davaidavai #181
Gerald Hensels kurierter Marketing Link Mix aus zwei Wochen. „Ich lese für euch vor, damit ihr es nicht machen müsst.“
12. Juli 2026
Willkommen zu davaidavai 181.
Es ist Sonntag Morgen. Und in Hamburg beginnen nächste Woche die Sommerferien, und wenn ich auf meine Öffnungsraten gucke, seid ihr gedanklich sowieso schon alle am Wasser. Macht nichts, diese Ausgabe funktioniert auch im Liegestuhl.
Heute geht’s um Marken, die sich lieber eine Muse suchen als eine Zielgruppe, um Luxushäuser, die plötzlich ins Laufen investieren, und um Cannes, das mal wieder über Geschmack streitet, während draußen längst niemand mehr Kreative einfliegt. Dazwischen klebt Greenpeace Londons U-Bahn um. Europa sucht eine AI-Alternative und Metas neuer Bildgenerator verursacht neuen Ärger. Zu guter Letzt: die Frauen, die das Netz gebaut haben, und – natürlich – die Suche nach dem Helden(der Heldin?), auf den wir alle warten.
davaidavai macht danach ebenfalls Ferien. Ausgabe 182 kommt deshalb erst in vier Wochen statt in zwei. Bis dahin: gute Erholung, lest auch mal was Gedrucktes, und ich hoffe, dass ihr einen tollen Hochsommer habt. Trotz allem.
Gerald
P.S. davaidavai ist gratis aber für mich nicht kostenlos. Wer mich dabei unterstützen will, kann mir ein paar virtuelle Euro in den virtuellen Sparstrumpf ganz unten stecken. Highly appreciated.
Marken und Strategie
Was uns zum Ziel führt
🪞 Gute Diskussion in einer Zeit, in der sich zwischen virtuellen Personas und ICPs gerade sowieso viel in Sachen Zielgruppen verschiebt. Saras These: „Weiblich, 35, vegetarisch, lebt in der Stadt" sollte als Zielgruppenbeschreibung durch die "Muse" ersetzt werden. Es geht nicht länger dazum, zu beschreiben, wer die Ziel-Kundschaft ist, sondern wen sie bewundert und wer sie werden will. Da hat sie einen Punkt
🏃 Große Luxus-Brands sponsern plötzlich Fitness-Wettkämpfe, und eine Firma, die Fitness-Armbänder baut, ist an der Börse zehn Milliarden Dollar wert. Ein Goldrausch, der auch noch auf eine Gegenbewegung stößt. Ausgerechnet die anspruchsvollsten Kund:innen legen ihre Tracker gerade wieder ab und versuchen die Hochrüstung von Fitness anders zu sehen. Ein Report aus einer wilden Ecke der Markenarbeit
🧠 Das ist eine ziemlich tolle Toolbox an Methoden für Produkt-Teams in und um Entwicklungsprozesse. Mit dabei viele Brainstorming Inspirationen fürs Development, zur Problemlösugn und zur Team-Kollaboration. Am Ende geht es natürlich darum, einen Satz an Karten für Workshops zu verkaufen. Aber ich stehe ja auf sowas.
🧰 Und noch eine Strategie-Toolbox. Jenny Theolin hat einige der wichtigsten Methoden-Baukästen diverser Disziplinen an einem Ort versammelt, ordentlich kuratiert und super aufbereitet. Danke dafür. Super Link für alle, die Workshops bauen. Egal, ob das heute oder in drei Monaten ist.
Amerikaner:innen erkennen AI zunehmend nicht mehr
🔍 Das Tolle an unserer Zeit ist, dass AI uns allen die Möglichkeit gibt, Content beizutragen. Das Schlimme ist, dass sie das tut. YouGov hat Amerikaner:innen gefragt, ob sie AI-Inhalte zuverlässig erkennen. Mehr als die Hälfte sagt, dass sie nicht mehr dazu in der Lage ist.
Kreativwirtschaft
Gute Links für die kreativ wirkende Branche
🎭 METHOD hat drei der angesehensten Kreativchefs der Branche über ihrer Präsentationsstile interviewt. Ergebnis: Alle drei präsentieren denkbar unterschiedlich und sind damit erfolgreich. Die bittere Realität ist, es gibt nicht einen Weg zum perfekten Projekt. Und es gibt auch nicht einen Weg, ihn zu präsentieren.
😑 Ich tippe in Deutschland ja immer noch darauf, dass Kreative und Agenturen den echten Druck durch AI noch gar nicht spüren (das ist IMHO alles miese Binnenkonjunktur): In dieser Umfrage hat Creative Boom jedenfalls die Branche in UK befragt, wie es ihr im "Age of AI" geht, und statt Aufbruchsstimmung ein kollektives Zähneknirschen gefunden. Jede/r nutzt AI, viele begeistert, dennoch fühlen fast alle den Druck mit Folgen für die mentale Gesundheit. It’s complicated.
🎪 Nicht, dass mich die Audience in Cannes wirklich bewegt. Aber Joe Lazers Beobachtung von 2026 ist schon interessant. Er beschreibt ein Festival, auf dem neun von zehn Leuten Werbetechnologie und/oder Beratung verkaufen und niemand mehr Kreative einfliegt, weil die keine Verkaufsziele tragen. Das Protokoll einer Übernahme, die jeder zwar irgendwie spürt aber keiner so richtig benennen kann.
Creative
Aktuelle Lieblingscases aus Kommunikation und Markenführung
🏆 Sorry, und nochmal Cannes. Das Festival hatte 2026 ein Viertel weniger Einreichungen und dann kam diese unselige Diskussion über Geschmack zurück, die langsam ziemlich ausgelutscht wirkt, weil auch Geschmack programmierbar ist. Und auch auf die Gefahr hin, dass ich meine langjährige Antipathie gegen Kreativwettbewerbe hier überbetone. Der Klick durch die Grand-Prix-Gewinner ist trotzdem lohnenswert, wenn man sich für Markenführung begeistert.
🔥 Während Großbritannien den heißesten Junitag seit Beginn der Messungen erlebt, überklebt Greenpeace Londoner U-Bahn-Schilder: Aus Baker Street wird Baking Street, aus London Bridge wird London’s Burning. Eine kleine Guerillaaktion mit spektakulärer Medienbild-Zweitverwertung. Aber wer in der Londoner Metro klebt, wird gesehen. Gerade, wenn es draußen Glutofen-Temperaturen hat.
🪧 Und gerade, wo ich vor ein paar Tagen einen Text über die Anti-AI Brands geschrieben habe, kommt jetzt die neue Economist-Plakatkampagne um die Ecke. Die mit den großen roten Buchstaben. Natürlich mit eingebautem Widerspruich, der diesem Thema ja quasi automatisch innewohnt. Denn der Economist ist gleichzeitig eine der AI-versiertesten Medienmarken überhaupt. Aber sei’s drum.
🎥 Krass. In Hanoi zeigt ein Drohnenpilot einen One-Shot Flug durch ein ganzes Hotel, durch Flure, über die Bar und im besten Moment unter dem Arm der Barkeeperin hindurch, genau während sie einen Drink eingießt. Völlig irre. Kann aber auch sein, dass wir mittlerweile AI-generierte Making-Ofs machen, die uns glauben lassen sollen, dass wir keine AI-generierten Makings-Of Videos machen. Who knows?
Design
Wie Dinge aussehen und funktionieren
💡 AI-Interfaces müssen eine Interaktions-Komponente komplett neu denken. Niemand weiß genau, was aus einer Interaktion rauskommt, anders als bei den deterministischeren klassischen Interfaces. Umso interessanter ist dieser Text über das Design neuer Systeme, die User:innen mehr Transparenz und Kontrolle geben müssen, obwohl viel weniger planbar ist.
🍽️ Eine Speisekarte verrät mehr über ihre Zeit als mancher Geschichtsband, weil alles drinsteht: Preise, Moden, Klassengrenzen. The Pudding hat 5.000 historische Menükarten der New York Public Library aus den Jahren 1880 bis 1920 zu einer Seite verarbeitet, durch die man sich wunderbar treiben lassen kann. Halb Design-, halb Geschichsvorlesung.
📚 Matt Dorfman gestaltet seit über zehn Jahren die Cover der New York Times Book Review, und er liest jedes Buch, bevor er es anfasst. In seinem Artikel über den Gestaltungsprozess von Buchcovers beschreibt er einen Prozess, in dem er erst einen ganzen Hügel langweiliger Ideen produziert, um dann ein Detail zu finden, das am Ende das Cover trägt. Arbeitsregel: „Mach alles, außer dem, was direkt vor dir liegt."
Content Marketing
Inhalte, die funktionieren
📉 Zwei von drei Google-Suchen enden inzwischen, ohne dass irgendjemand irgendetwas anklickt. Fractl hat mit einer Million untersuchter Suchbegriffe nachgelegt und zeigt, dass die Suche nicht generell schrumpft, sondern in bestimmten Kategorien richtig reinhaut. Gleich, wie man es sieht. Der Impact ist definitiv da, wenn auch nicht überall gleich.
🧭 Aber vielleicht ist ja doch nicht alles so schlimm. Tim Woodall vermarktet Bücher bei Faber & Faber und verkauft keine SEO-Tools, vielleicht ist sein Text deshalb so brauchbar. Er schlägt drei neue Rollen für Websites im AI-First Zeitalter vor. Über die sollte man erstmal nachdenken, um dann über die neue Rolle von Website-Content und Klickpfaden zu entscheiden. Guter Text.
🗨️ Zu Reddit habe ich letzte Woche auch einen LinkedIn Post geschrieben, weil der Mercedes Benz CTO dort gerade ein AMA gestartet hat. Aus Gründen. Ahrefs erklärt, warum Reddit in Suchergebnissen und AI-Antworten plötzlich überall steht und wie man die wilde Plattform für sich nutzbar macht. Interesting.
AI
All Hail our Robot Overlords
🌍 Seit Washington europäischen Firmen zeitweise die besten AI-Modelle abgedreht hat, ruft halb Europa nach einem eigenen Großmodell. Die ZEIT stellt die Frage nach offenen vs geschlossenen Systemen und führt uns mit einer kleinen App, von der ich noch nie gehört habe, zu der Möglichkeit zu einem europäischen Sonderweg.
📰 Wer hätte es geglaubt? Springer startet 2023 eine formale Kooperation mit OpenAI und im Jahr 2026 ist DIE WELT die mit Abstand meistzitierte deutsche Medienquelle in ChatGPT. Table Media hat hier ein paar interessante Zahlen zusammengetragen und einmal mehr kann man sich die Frage stellen, ob es überhaupt noch Unabhängigkeit in der AI-Welt gibt.
⚖️ AI-Rechtsprechung ist ja ziemlich im Fluss. Dazu ein aktuelles Urteil, das Dr. Thomas Schwenke dankenswerter Weise geteilt und bewertet hat: Ein Unternehmer zog vor Gericht, weil die Konkurrenz sein Produktfoto per AI nachgebaut haben soll. Das Ganze wurde jetzt bewertet und hilft Jurist:innen in Deutschland wieder mal dabei, auf jede Frage der zahlenden Kundschaft "Kommt drauf an" zu antworten.
Wilde Werbung
Kommunikation aus einer anderen Zeit
📣 1911, in der Blütezeit des Asbestes, verkaufen die Leute Asbest-Tischdecken. Klar, warum auch nicht? Brennt nicht an, leitet schön Hitze, sieht IMMER gut aus. Eine schöne Metapher auf Fortschritt mit Kollateralschaden. Denn Asbest ist in weiten Teilen Europas heute verboten und global immer noch für knapp 100.000 Tote pro Jahr verantwortlich.
Wilde Karten: Als Berlin noch vierzehn Tore hatte
Karten, die die Welt erklären.
🗺️ Das Brandenburger Tor kennt jeder. Ebenso wie den Cotti. Dabei waren beide Teil der Berliner Zoll- und Akzisemauer des 18. Jahrhunderts, die keine Feinde abhielt sondern Waren aus den deutschen Ländern hereinkommen ließ. Die Tore hießen nach den Orten, in die sie führten: Hallesches, Kottbusser, Schlesisches, Namen, die heute U-Bahnhöfe und Kieze sind. Später wurden es achtzehn Tore, baulich erhalten ist genau eins.
Wahre Geschichte
Schlimmes und Buntes. Meist Zeitgeschichte und am Ende Musik.
👀 Ada Lovelace kennt man ja noch. Aber Hedy Lamarr, deren Funktechnik heute in jedem WLAN steckt? Oder Nicola Pellow, die als Studentin einen der ersten Browser mitgebaut hat? Selman Design hat den Frauen, die das Netz miterfunden haben, eine schön gebaute Seite als überfälliges Denkmal gewidmet. Ohne sie gäbe es das alles nicht. Sichtbarkeit hängt oft daran, wer die Geschichte aufschreibt.
🖐️ Ewwwwww. Uncanny Valley nennt man einen Zustand, in dem einen ein künstliche Figur fast an einen echten Menschen erinnert. Aber eben nur fast. Die Firma 1X zeigt die neuen Hände ihres Haushaltsroboters, und die können inzwischen Dinge, an denen Roboter jahrzehntelang gescheitert sind, vom Eindrehen einer Glühbirne bis zum Eingießen von Tee. Ich weiß nicht, ob mir so Videos gut tun.
🎬 Fred Astaire soll gesagt haben, das sei die beste Tanznummer, die je gefilmt wurde: Die Nicholas Brothers, 1943, zu Cab Calloways „Jumpin‘ Jive", ohne Schnitt, ohne Double, ohne Netz. Jetzt hat jemand die alte Schwarzweiß-Aufnahme per AI koloriert, und die sieht immer noch mega aus. Was die beiden auf dieser Treppe machen, kriege ich mit Worten nicht hin.
🎤 Zum Schluss, wie immer, Musik. Nicht jeder wird sie noch kennen. Aber Bonnie Tyler ist mit 75 gestorben. „Holding Out for a Hero" war 1985 mein allererster Kinderhit. Auch wenn es das Musikvideo damals nicht vermuten ließ, mutierte der Song einer auf den Helden wartetenden Frau in seiner Lebenszeit zu einer feministischen Hymne. Nicht, weil Bonnie Tyler – wie man das damals lesen wollte (es waren die 80s, Mann. Da wurde auch George Michael noch daten gelassen) – gerettet werden wollte, sondern weil sie laut einforderte, dass ein Held gefälligst auf ihrer Höhe als Frau ist. Der Song tauchte deshalb auch später in vielen Mashups und Collabs auf. Der bekannteste ist wahrscheinlich der wunderbare Frou-Frou/Imogen-Heap-Take vom Shrek-Soundtrack, Taylor Swift geht sowieso immer, und zuletzt Olivia Rodrigo. Ja, ich mag Power Ballads. Und vor allem solche, die sich weiterentwickeln, nachdem man sie für gehört hält. Gute Reise, Bonnie. Du war großartig.
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