davaidavai #180
Gerald Hensels kurierter Marketing Link Mix aus zwei Wochen. „Ich lese für euch vor, damit ihr es nicht machen müsst.“
28. Juni 2026
Willkommen zurück zu davaidavai 180.
Alles bleibt wild. Cannes hat das mal wieder gezeigt. Denn was bleibt von Marketing, Agenturen, Beratung und Kreativarbeit übrig, wenn die Maschine immer mehr Teile übernimmt? Oder tut sie das gar nicht? Auf der einen Seite sehen wir neue Superpipelines von Meta & Co. Auf der anderen Seite formiert sich der Widerstand: "Human Premium" wird zum neuen Ding. Mensch vs Maschine: Wer gewinnt, werden wir wohl nicht in Matrix oder Terminator sehen sondern in einer Zukunft unserer Wahl.
Ansonsten freue ich mich, dass es nach diesem Horror-Hitze-Samstag endlich geregnet hat und heute "nur noch" 36 Grad auf uns zukommen. Ich bin für sowas definitiv nicht gemacht und will das nicht. Wer übrigens in dieser Ausgabe nach Fußball-Referenzen sucht: Auch dafür bin ich nicht gemacht.
Oha! Falls ihr es einrichten könnt: Übermorgen, am 30. Juni, findet der dritte Club der Postrationalist:innen im Haus 73 in der Schanze statt. Ein von mir erfundener kleiner Netzwerk-Club für Strateg:innen und Strategen. Tickets gibt’s hier. Ich würde mich total freuen, euch da zu sehen.
Liebe Grüße und viel Spaß mit davaidavai 180.
Gerald
Strategie
Was uns zum Ziel führt
👀 Wer mag denn bitte AI-Skeptiker sein? Dann könnte man sich ja verdächtig machen, antimodern zu sein. Aber ein paar Meilen "Down the Slop" wird auch für Brands die Realität 2026 komplexer. State of Brand liest kodifizierte AI-Skepsis inzwischen als Element einer Marktposition: ein „human-made premium", an das AI-first-Marken per Definition nicht herankommen. Wie ernst das gemeint ist? Weiß man nicht. Aber Polaroid zeigt weiter unten eine Ausprägung davon.
🧠 Die meisten Briefings tun immer noch so, als ließe sich Verhalten mit dem einen großen Message-Treffer umlegen. Baiba Matisone zeigt, warum der Creative Brief sich vom Überzeugungs- zum Erinnerungswerkzeug entwickelt: Toller lesenswerter Text. Von Baiba bin ich übrigens schon lange Fan. Umso schöner, dass sie am Dienstag eine Keynote beim Club der Postrationalist:innen III hält (nur falls du immer noch nicht überlegt hast, zu kommen, hüstel)
💡 Mark Pollard sagt einen Satz, den die Branche nicht gern hört: Man kann in der Werbung Karriere machen, ohne je definiert zu haben, was eine Idee überhaupt ist. Genau da setzt sein (schon älterer) Mega-Post an, der nichts weniger als den Anspruch hat, zu erklären, was eine Idee ist und was sie tut. Pflichtlektüre für alle, die in Meetings „Idee" sagen und eigentlich „Umsetzung" meinen.
🧩 Kaum ein Wort bedeutet dieser Tage noch so wenig wie „Strategie", einfach weil heute alles so heißt. Fatema Raja räumt in diesem Text ganz gut auf und bringt Marke, Design und Marketing wieder in die richtige Reihenfolge. Einer dieser Beiträge, die man jungen Kolleg:innen schickt und selbst nochmal liest, weil viel Wahres drinsteht.
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Kreatives
Aktuelle Lieblingscases aus Kommunikation und Markenführung.
👋 Oura verkauft seinen Ring der 5 Generation über ein klares Versprechen: „Das Leben steckt voller Überraschungen. Bleib in Control, auch im größten Chaos. Unser Ring hilft dir dabei" Die Filme lösen das über nettes Storytelling in ungewöhnlichen Situationen. Keine Neuerfindung der Kategorie Werbung aber ein total guter Ansatz für eine Produktkategorie, die sonst am liebsten Features rausposaunt. Mein Favorit ist „The Teacher", aber auch „Der Dirigent" und „Der Fingerstand" machen Spaß.
🔥 Manche Spots altern einfach wahnsinnig schlecht. 2014 inszenierte Perrier ausgerechnet in Frankreich einen Planeten, der unter der Hitze zerläuft, alles schmilzt, nur das Wasser hält dagegen. Damals war das spektakuläre Werbefantasie, ganz in Perriers Tradition, die Konventionen der Branche zu kippen. Heute, in einem Sommer, in dem Frankreich Hitzerekord um Hitzerekord meldet, wirkt dasselbe Bild fast dokumentarisch.
⚽ Sorry, ich mag clevere Werbung immer noch, besonders die, die mit dem arbeitet, was eh schon da ist. Ikea Canada baut zur WM 18 Nationalflaggen ausschließlich aus dem Sortiment: Schränke, Kerzen, Auflaufformen werden zu Flaggen. „You can shop it, share it, sit in it, or just print it and tape it to your car window". Der Witz liegt im fließenden Übergang von Kampagne zu Commerce. Iconomics in Reinform: keine teuren neuen Assets, nur die eigenen Produkte.
📸 Oben hatten wir es ja schon von Marken, die sich bewusst analoger aufstellen: Polaroid tut es konsequent. „The Best of Summer Is Analog" ist eine ganze Serie, Billboards in London, New York und Südkorea: „less getting tracked, more getting lost", am Strand von Coney Island „go jump in some water before the data centers drink it all up". Dazu zwölf Creator, die sich handschriftlich offline verabschieden. Eine analoge Marke übt hier das analoge Leben vor: erleben, statt sich den Maschinen zu ergeben. Die Pose gehört zum Produkt, den Raum liest die Kampagne trotzdem richtig.
Design
Über gute Gestaltung.
🫠 Diese unsägliche Diskussion um "Geschmack" als letzte sichere Bank der Kreativen ist ja schon Slop in sich. Denn, hach!, Geschmack ist reproduzierbar und zwar sehr gut sogar: Instagram machte ihn sichtbar, Algorithmen wiederholbar, AI skalierbar; übrig bleibt Ästhetik ohne Pointe. Was in eine ästhetische Formel gepackt werden kann, wird es. Und dann kommt der Slop. Einziger Ausweg: Alles anderes machen als alle. Aber das will ja auch wieder niemand.
👯 Und wo wir gerade bei der großen "Same-Same-but-not-different" Welle sind: Die App-Icons aller AI Apps sehen komplett gleich aus. Derselbe weiche, strahlend-runde Pastell-Blob, wieder und wieder. Andew Tindall bringt es in diesem Sketch gut auf den Punkt: "jedes App-Icon sieht aus wie ein A…loch". So ist es eben. Die Sea of Sameness beginnt jetzt schon auf dem Homescreen.
🔌 Gute Übersicht über ein Thema, das mich gerade umtreibt: wie Design-Systeme maschinenlesbar werden. Romina Kavcic führt verständlich durch den Wandel von der Komponente zum Vertrag, von „so sieht der Button aus" zu „das verspricht der Button". Wer mitbekommen will, wie Marken und Oberflächen agententauglich werden, bekommt hier den klarsten Einstieg, den ich bisher gesehen habe. Praktisch für alle, die künftig weniger Screens bauen und mehr Schnittstellen für Maschinen öffnen.
Meta
Zwei Links aus der großen Maschine
🤖 Bei den Cannes Lions hat Meta etwas getan, dem Agenturen selten live zusehen mussten: auf offener Bühne, neben WPP, erklären, dass ihr Kernjob jetzt automatisiert wird. Was Meta vorstellte, will ein geschlossenes Ökosystem sein. Also Daten, Kreation, Mediabuying und Commerce in einer Pipeline, dazu „Brand Memory", das Tonalität und Identität aus der Ad-Historie lernt. Also genau das institutionelle Wissen, das bisher der Burggraben der Agentur war.
😬 Und wo wir gerade bei Meta sind. Anders als in Cannes wirkt es nach 10 Prozent Entlassungen dort gerade deutlich weniger glanzvoll: t3n zitiert Mitarbeitende, die die Stimmung mit „wie im Arbeitslager" beschreiben. Die Tech Roast Show hat das schön böse in einen Clip gepackt, der mich an die Arbeiter:innen in indischen Sweatshops erinnert, die der glänzenden Maschine erst ihre eigenen Handgriffe beibringen müssen, damit sie hinterher von ihr ersetzt werden. Tolle Zeiten.
AI
Künstliche Intelligenz im Arbeitsalltag und als Marktbewegung.
🔁 Auf Twitter prügelt sich gerade die halbe Dev-Welt um einen Sechs-Wort-Satz von Peter Steinberger: Hör auf, AI zu prompten, bau Loops, die für dich prompten. Extended Brain ordnet das hier gut ein. Der Reiz liegt weniger im Tempo als in dem, was hängen bleibt, wenn ein einmal gelöstes Problem sich dauerhaft um sich selbst kümmert. So hat man sich das auch mal mit kleinen Kindern vorgestellt. UND WAS KAM DANN?
😮💨 Über AI-Adoption reden alle oben und unten: die C-Suite mit der Vision, die Juniors mit ihrem neuen Tempo. Dazwischen noch Legal und IT. HBR fokussiert in diesem Artikel auf die Sandwich-Ebene dazwischen, die in großen Unternehmen dieses Ding namens Transformation umsetzen muss und die dabei als Bindeglied zwischen großer Vision und umsetzbarer Realität oft ziemlich alleine gelassen wird.
🌫️ Wenn tasteslop oben das teure Mittelmaß ist, dann ist das hier die schiere Menge davon. Daniel Parris zeigt, wie AI unsere Fähigkeit zum Kulturschaffen verändert: Je automatisierter ein Text, desto ähnlicher wird er allen anderen. Jahrelang klagten wir über zu viel Fragmentierung, jetzt schreiben drei große Maschinen für uns alles und wir werden dabei auch kulturell ganz langsam immer ununterscheidbarer. Wir brauchen mehr Messiness.
🐌 Canva hat über 5.000 Mitarbeitenden eine ganze Woche freigeräumt, um mit AI zu spielen. Die meisten kamen kaum vom Fleck. Rob Giglios Diagnose trifft fast jede Firma in der Transformation: Zugang allein verändert nichts, solange niemand weiß, wo er anfangen soll. Genau das wird gerade massenhaft als „AI-Strategie" verkauft: Lizenzen kaufen und hoffen, dass der Rest sich von selbst ergibt. Geht nur über Kultur.
Daten
Zahlen rund ums Geschäft.
📰 Für einige von euch relevant, für andere nicht: Das Reuters Institute hat seine jährliche Studie zum Thema Nachrichtenkonsum publiziert. Und ja, da geht gerade zwischen App Konsum, Deepfakes und der Rolle von Journalismus vs Podcastern einiges. No country for old men.
Wilde Karten: Die Vorhersage von 2050
Visualisierung, die Zusammenhänge zeigt.
🌡️ 2014 zeigte das französische Fernsehen in einer Klimawandel-Mockumentary eine fiktive Wettervorhersage für den August 2050, als Warnung, wohin die Erderwärmung führt, mit Werten, die damals demonstrativ übertrieben wirken sollten. Oben im Bild diese erfundene Zukunft, unten die echte französische Vorhersage für den 22. Juni 2026. Die beiden sind kaum auseinanderzuhalten. Was als Schreckensszenario für die Mitte des Jahrhunderts gedacht war, tritt gerade ein Vierteljahrhundert zu früh ein.
Übrigens: AfD-Vertreter:innen, also die Leute, die den menschengemachten Klimawandel weithin geleugnet und verlacht haben, kommen jetzt an den Punkt, dass sie die Realität vor der Tür ja irgendwie erklären müssen. Das Ergebnis? Zu wenige Klimaanlagen. Und schuld daran sind natürlich die Ausländer. Wer sonst?
Wilde Idee: Pinke Limonade
Kuriose Idee/Herkunftsgeschichte mit Einordnung.
🍋 Amerika liebt rosa Limonade schon seit Ewigkeiten. Und ihr werdet euch sicher schon gefragt haben, wo das Getränk herkommt. Tatsache ist: Die Antwort könnte die Bevölkerung verunsichern: Aus dem Zirkus. Zwei Erklärungsansätze existieren. Die harmlose Antwort 1: Ein durchgebrannter Zirkusbursche, Henry Allott, ließ um die Jahrhundertwende Erdbeeren in Wasser fallen und verkauft die rosa Brühe einfach weiter. Die mögliche Antwort 2 lässt einen erleichtert aufatmen, dass es inzwischen Gesundheitsämter gibt. Ihr lest sie unten. Smithsonian weiß mehr.
Wahre Geschichte
Bunt gemischt: Zeitgeschichte, Kultur, Musik. Steht immer am Schluss.
🧥 Meine liebste Markengeschichte der Woche: Bad Bunny trägt eine zufällige Secondhand-Trainingsjacke des österreichischen Eisstockvereins ESV Hilkering, ein Dorf mit, laut Internet, „184 bis 238" Einwohner:innen. Was so eine alte Vereinsjacke auslöst, wenn plötzlich ein Weltstar drinsteckt, ist Marketing at the speed of culture in Reinform. Schöner Beweis, dass die wertvollsten Markenmomente die sind, die man nicht gekauft hat und die ein verschlafenes Dorf in helle Aufregung versetzen.
🌭 Anfang der 1970er filmte der Dokumentarist Freddy V. Iversen die Reihe „Ein Tag mit …", in der Wiener Berufsgruppen ihren Alltag zeigen. Die Folge begleitet den Würstelstandbetreiber Stefan Schar durch einen langen Tag mitten in Wien, erzählt von ihm selbst, entlang der Menschen, die an seinem Stand vorbeikommen. Keine These, kein Drama, nur ein gewöhnlicher Tag, der heute eine Zeitkapsel aus einer Welt von vor fast 50 Jahren ist.
🎸 Zum Schluss, wie immer, Musik. Das erste Mal bin ich Faith No More um 1990 begegnet, so lange gibt es die schon (eigentlich noch viel länger). Als lebenslanger Fan ist man die Auflösungen und Reunions im Zehn-bis-fünfzehn-Jahres-Takt gewöhnt. Aber dass die Jungs 2027 tatsächlich wieder auf Tour gehen, stand definitiv nicht auf meiner Bingokarte: Auf Reddit hieß es konsistent, sie könnten sich alle nicht mehr leiden und Mike Patton täte alles, nur sicher keine FNM-Reunion. So kann man sich täuschen. Zum Abschied dieser Ausgabe ein Live-Video von vor dem ersten großen Bruch 1997, am Meer in Südfrankreich. Mein eigentlicher Hit ist ja „Evidence", und wer mal sehen will, was Patton in seinen musikalischen Pausen sonst so getrieben hat, sollte sich dringend Mondo Cane anhören.
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