davaidavai #176
Gerald Hensels kurierter Marketing Link Mix aus zwei Wochen. „Ich lese für euch vor, damit ihr es nicht machen müsst.“
19. April 2026
Guten Morgen zu davaidavai 176.
Vielleicht ist das heute die beste Ausgabe aus den letzten zwei Wochen.
Vor einigen Wochen habe ich mit dem geschätzten Matthias Schrader einen Diskurs über handgeschriebene x AI-generierte Newsletter gehabt. Seinen Newsletter Synthszr möchte ich nochmal sehr empfehlen. Er generiert in hoher Geschwindigkeit v.a. AI-News mit AI. Love it.
Und trotzdem bleibt mein Newsletter davaidavai am Ende immer ein Produkt, an dem noch direkt ein Mensch in der Arbeitspipeline hängt. Natürlich arbeitet auch hier längst AI mit. Beim Strukturieren, Zuspitzen, Umsortieren, manchmal auch beim Vorschreiben. Aber Schreiben ist für mich auch immer Reflexionsfläche und Denkraum gewesen. Wer davaidavai liest, liest das Ergebnis meines persönlichen Denkprozesses und von deutlich mehr Arbeit, als man im Jahr 2026 eigentlich vermuten würde.
Ich weiß nicht, wie lange handgeschriebene Newsletter noch eine eigene Kategorie bleiben. Hoffentlich lange. Denn tatsächlich treibt mich bei aller Faszination für die Maschine die Frage sehr um, was mit uns passiert, wenn wir zunehmend nicht mehr selbst erschaffen. Egal, was es ist: Macht wieder auch mehr selbst. Und wenn es nur ein kleiner Newsletter wie dieser ist, der meine Synapsen trainiert und auch immer etwas Therapeutisches hat.
In eigener Sache
Ein paar Dinge sind zuletzt auch passiert, ohne dass ich sie jetzt größer aufblasen möchte: Vergangene Woche ist in der W&V ein Artikel von mir erschienen, über die Frage, wie Markenführung im Zeitalter von LLMs und AI-Medienkonvergenz eigentlich noch funktionieren kann. Vielleicht führt der manche unter euch weiter.
Außerdem waren Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon, die Geschäftsführerinnen der von mir mitbegründeten Menschenrechtsorganisation HateAid, gerade bei Jan Böhmermann zu Gast. Thema: Gewalt im Netz, Trumps Einreisesperre, aber natürlich auch die Folgen der Ulmen-Enthüllungen. Die Folge ist sehr sehenswert und hier zu finden.
Und für den Club der Postrationalisten am 30. Juni in der Hamburger Schanze gibt es noch Karten. Ein Netzwerk-Event von und für Strateginnen und Strategen. Kommet in Strömen. Hier entlang.
Viel Spaß mit davaidavai 176.
P.S. Teilen dieses Newsletters ist explizit erlaubt.
P.P.S. Wer mir was für Serverkosten und Co. in den Sparstrumpf werfen will, kann das ganz unten machen.
Strategie
Was zum Ziel führt
🧠 Was passiert eigentlich, bevor der Funnel überhaupt startet? Marty Marions Text schaut auf diesen Moment, in dem die alte Entscheidung leise instabil wird und Wechsel überhaupt denkbar wird. Eine spannende Fragestellung, die überraschenderweise von vielen tradierten Modellen nicht ausreichend beantwortet wird.
🧠 Kim Notz publiziert neben ihrem What’s Next-Podcast schon länger auch einen sehr lesenswerten Newsletter unter gleichem Namen. Diese Woche darin eine kluge Reflexion über das, was AI noch immer nicht gut kann: Content in jeder Menge und Qualität produzieren, aber kaum Dinge, über die Menschen freiwillig sprechen. Ich würde höchstens ergänzen, dass manches, worüber vor ein paar Jahren noch geredet wurde, heute eher wie ein normaler Feed-Moment wirkt. Der Kern des Gedankens bleibt aber sehr treffend. Gerade weil Aufmerksamkeit so inflationär geworden ist.
🧭 Ich lese Christian Riedels Blog wirklich sehr gern, weil es nicht so viele Menschen gibt, die Business Storytelling aus der Blabla-Blase in sezierbare Einzelteile überführen. Hier erklärt er das Modell der fünf Business-Narrative, das ziemlich schnell sichtbar macht, wo Leadership Teams unterschiedliche Geschichten ihrer Organisation zu erzählen beginnen (und wie man es fixt).
davaidavai in deine Mailbox
Du bist neu hier? Super. Abonniere davaidavai 👇 kostenlos. 2.000 weitere begeisterte Leser:innen tun es auch.
davaidavai abonnieren
Transformationen
Was sich alles ändert
🎧 Von Zoe Scaman kann man eigentlich fast alles posten. In Episode 60 geht es um den Stress der Agenturwelt und da sagt Zoe diesen Satz: „Wer nicht zu den besten fünf bis zehn Prozent gehört, sollte sich überlegen, etwas anderes zu machen.“ Gemeint ist aber weniger Talent als ein System mit echten Herausforderungen. Eine Branche, die seit Jahren weniger investiert, weniger zahlt und jetzt durch AI zusätzlich unter Druck gerät. Wilde Zeiten.
💭 Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass ein großer Teil von dem, was wir gerade über die gesellschaftlichen Folgen von AI erzählt bekommen, vor allem Blasen-PR ist. Dieser Text macht den simplen, aber wichtigen Punkt, dass „Wir restrukturieren wegen AI“ einfach besser klingt als „Wir haben uns bei den Einstellungen rund um die Pandemie verhoben“. Eine PR-Geschichte, die gerade als Technologiegeschichte verkauft wird und vermutlich weit über den Tech-Sektor hinaus wirkt.
🎯 Vieles, was in den USA passiert, ist nicht so gut. Aber vieles ist es eben auch doch. Eine neue Gesellschaftsform von und für Kreative regelt kreatives Recht an der eigenen Unternehmung neu: 51 Prozent Artist-Ownership, künstlerische Mission in der Satzung, Rückfallrechte auf geistiges Eigentum. Interessant, dass dieser Tage auch die Juristerei ihre Liebe zu kreativer Arbeit entdeckt.
⚡ Im Digitalagentur Umfeld wachsen die Top-10, während das Mittelfeld 30 Prozent verliert. Matthias Schrader erklärt hier sehr einleuchtend, warum das große Offshore gerade zum Zombie-Geschäft wird und ausgerechnet die schrumpfenden Digitalagenturen auf den Fähigkeiten sitzen, die im agentischen Zeitalter wieder gefragt sind. Ein Lagebericht ohne Trost, aber definitiv mit Perspektive.
A Young Breton, Glyn Warren Philpot, 1917
Creative
Subjektiv gute kreative Ideen
📌 Während alle anderen um mehr Screen Time kämpfen, wirbt Pinterest plötzlich fürs Abschalten. „The best thing you can find online is a reason to go offline“ ist ein guter Satz, der aber auch nur gesagt werden kann, wenn man verstanden hat, wie müde uns das Internet gemacht hat. Die phonefreie Pinterest-Coachella-Aktivierung ist in diesem Kontext ziemlich interessant.
🍺 Bud Light macht aus einem kleinen, extra gut kühlbaren Bier eine kleine lustige Geschichte: Post Malone stolpert mit ein paar Freunden auf einem leicht nach Hangover riechenden Roadtrip durch die Wüste in die kleinste Bar der Welt. Sehr albern, sehr konstruiert, aber genau deshalb ist es auch unterhaltsam. Und das kann man ja nun wirklich nicht oft dieser Tage sagen.
🎼 Grandios nerdig: Loud Numbers macht aus der Genese der EU-Bürokratie eine mehrstimmige Komposition mit Synthesisern. Je mehr Melodielinien gleichzeitig laufen, desto mehr Gesetze produzierte die Union in ihrer Geschichte. Natürlich ist das ein bisschen Kunstprojekt-Hochamt. Aber eben auch eine ziemlich schöne Art, eine komplexe Geschichte zu erzählen, die man als Bürokratie oder auch als Integration framen kann.
Design
Wie Dinge aussehen und funktionieren
🌿 In letzter Zeit wird es ja wieder modern, sich für Design an der Natur zu orientieren. Amazonia macht genau das ziemlich konsequent und nimmt sich den großen Fluss zum Vorbild: viele Kurven, viel Bewegung, viel organische Logik. Klar, ein bisschen cheesy ist das schon. Aber als Grundlage für Typo- und Brand Design funktioniert es erstaunlich gut, gerade weil es nicht nur natürlich aussehen will, sondern daraus auch ein ziemlich eigenständiges System baut.
🎨 Creative Boom hat tausende Kreative gefragt, welche Designer:innen sie gerade am meisten bewundern. 20 Namen haben sich da herauskristallisiert. Keine Auswahl der Redaktion, sondern ein Stimmungsbild aus der Szene selbst, also eine gute Übersicht darüber, wer – trotz allem – 2026 noch menschliches Design anführt.
⌚ Terrys „letztes stilles Ding“ war eine Casio-Uhr, die nicht viel mehr sein wollte als eine Casio-Uhr. Seine These: Vielleicht ist unsere Erschöpfung einfach nur die völlig vernünftige Reaktion auf eine Welt voller Dinge, die dauernd etwas von uns wollen. Die Casio zeigt einfach die Zeit. Die Apple Watch dagegen will Aufmerksamkeit, Pflege, Updates, Beziehung. Ein sehr guter Text über Technik, Überforderung und die seltsame Zumutung, dass selbst unsere Gegenstände inzwischen wie kleine Manager unseres Lebens auftreten.
Content
Inhalte, die funktionieren
👀 Der SEO-Experte Andrew Holland hat einen super Text geschrieben, der den Shift auch seiner Zunft gut illustriert: Woran ist eine Marke überhaupt noch erkennbar, wenn die Oberfläche austauschbar wird? Und wie muss sich das Content Marketing verändern, wenn es morgen noch eine Rolle spielen will. Interessanterweise ist seine Antwort fast klassischer als man denken könnte.
📮 Dieser Newsletter, den du gerade liest, ist eine Ausnahme, weil er wirklich von einem Menschen geschrieben wurde. Aber viele Newsletter klingen heute so, als hätte sie ein halb motiviertes Content-System mit leichtem Kaffeeentzug geschrieben. Umso sympathischer ist dieser Text, weil er nicht gleich die ganz große Autorenfigur fordert, sondern zeigt, wie schon kleine Entscheidungen mehr Stimme, Haltung und Menschlichkeit ins Postfach bringen.
AI
All Hail our Robot Overlords
🚀 Donnerstag Claude 4.7, Freitag Claude Design. Ich verlinke hier selten Launches, die man auch anderswo sieht, aber das ist schon ziemlich krass. Anthropic greift Figma und Lovable direkt an. Und Figma hat direkt 7,5% an der Börse verloren. Keine Ahnung, was bei Anthropic los ist. Aber aktuell frisst es ganze professionelle Kategorien im Tagestakt.
🤖 Fast jede AI-Vision kippt irgendwann in eine von zwei Richtungen: Heilsversprechen oder Untergangskino. Diese Studie versucht etwas Neues und fragt, unter welchen Regeln, Anreizen und Prinzipien AI überhaupt so gebaut werden müsste, dass sie der Gesellschaft dient statt nur dem nächsten Rat Race. Interessant daran ist weniger die bloße Warnung vor Big Tech, sondern der Versuch, aus diffuser Unruhe eine politische und praktische Agenda zu machen und in die viel unbequemere Frage, wer hier eigentlich für wen Zukunft baut.
😑 Paulo Delgado hatte 2024 geschrieben, AI werde gute Autor:innen nicht ersetzen. Anderthalb Jahre später räumt er die Schreibmaschine weg und geht zurück in die Softwareentwicklung. Die These stimmt bis heute, nur wollen die meisten Unternehmen keinen guten Text, sondern Slop in ausreichender Menge.
🙂 „Ich habe selten Lust, mich tiefer in Themen einzuarbeiten“, antworteten ziemlich unfassbare 43 Prozent aller Nutzer:innen, warum sie AI nutzen, laut einer Studie. Unter Führungskräften sind es sogar 48 Prozent. Addiert man eine Dunkelziffer von Menschen, die diese Frage nicht so beantwortet haben, wie sie es eigentlich fühlen, ist das ein extrem besorgniserregender Wert. AI funktioniert blendend als Ergänzung des eigenen Gehirns. Wenn wir es zum Ersatz für eigenes Denken machen, laufen wir als Professionals, aber auch als Spezies, auf ein echtes Problem zu.
Schlimme Werbung: Der Iran und das Atom
Das war wirklich mal so
🛢️ Mitten in der Ölkrise 1979 inszeniert ein US-Atom-Konsortium den Shah des Iran als perfekten Abnehmer amerikanischer Atomkraftwerke. Im selben Jahr fällt der Schah, und das Narrativ liegt in Trümmern. Industrielobby hat schon immer bizarre Außenpolitik mitgeschrieben.
Wilde Karten
Geografien
Mit knapp über 30 Millionen Menschen ist Greater Chongqing die wahrscheinlich größte metropole Ansiedlung der Welt (je nachdem, wie man Stadt definiert). Hier hat jemand das Metro System der Riesenstadt in 3D nachgebaut und als Film auf Youtube gestellt.
Wahre Geschichte
Schlimmes und Buntes. Meist Zeitgeschichte und am Ende Musik.
😐 Horrorfilm. 1961 sitzt Paul Schmidt, Hitlers Chefdolmetscher, im WDR-Studio und erzählt die Nazi-Zeit als fachliches Abenteuer. Das Bizarre ist weniger seine Erzählung als der Interviewer, der freundlich nickt und die Formulierung von der „schönen Zeit“ gleich mitbaut. Bundesrepublikanische Erinnerungspolitik der frühen Sechziger im O-Ton, schwer auszuhalten.
👻 2016 tauchen in chinesischen Taxi-Apps Fahrerprofile mit zombieartig verzerrten Gesichtern auf. Kein schlechtes Foto, sondern ein sauber durchkalkulierter Betrug. Der Geister-Fahrer-Scam war ziemlich gruselig, aber definitiv schlau.
🧱 Völlig wahnsinnig, wie kurz das erst her ist. 1984 lernt Rolling-Stones-Bassist Bill Wyman die dreizehnjährige (!) Mandy Smith kennen. Irgendwann beginnt etwas, das die Boulevardpresse damals als Affäre kleinschreibt. Wyman wird als „typischer Rocker“ durchgewunken, obwohl der Fall eigentlich ein Lehrstück in arbeitsteiliger Pädophilie-Verharmlosung ist.
Zwei meiner absoluten Musikgötter in einem tollen YouTube-Format. Daryl Hall lädt in „Live at Daryl’s House“ Musiker:innen zum Jammen ein. In dieser Folge war es der New-Soul-Held Mayer Hawthorne, der zusammen mit Daryl Hall einen seiner Megahits spielt. Ich höre „Private Eyes“ schon seit 40 Jahren und liebe es immer noch.
davaidavai supporten
davaidavai ist ein unabhängiger, kostenloser Newsletter. Er kommt alle zwei Wochen und wird privat geführt. Kosten für Server, Newsletter-Versand etc. entstehen trotzdem. Wer mich dabei unterstützen will, hier 👇 kannst du das tun.
UNTERSTÜTZEN
 | davaidavai Der vielleicht beste Marketing & Gedöns Newsletter der Welt. Geschrieben und kuratiert von Gerald Hensel |
© 2026 davaidavai. Alle Rechte vorbehalten.
|