davaidavai 184
Gerald Hensels kurierter Marketing Link Mix aus zwei Wochen. „Ich lese für euch vor, damit ihr es nicht machen müsst.“
4. Oktober 2026
Willkommen zu davaidavai 184.
Ich habe am Samstag gerade einen Kindergeburtstag hinter mich gebracht. Ich hoffe, man merkt das dieser Ausgabe nicht an. Falls doch, bitte ich um Nachsicht.
Drin ist diesmal wieder einiges, was unsere wilde Zeit im Marketing so interessant macht: Positionierung, an die keiner mehr so ganz glaubt, Agenturen, die keine mehr sein wollen, Sikh-Restaurants, Staubsauger-Produktpräsentationen und mittelalterliche Wandteppiche. Da geht also einiges.
Wem es übrigens noch nicht aufgefallen ist: Mein Generator für die Titelbild-Prompts versteht langsam meinen Humor. Er baut seine Ideen dezent aus den Inhalten der Ausgabe und führte mich diesmal über einen Schulausflug vor dem Teppich von Bayeux, einen Imbiss für Taxifahrer:innen in New York und einen Aerobic-Kurs bis zur Verkaufsmesse von 1983. Das Ergebnis seht ihr direkt unter diesem Text. Ich habe da langsam große Hoffnungen auf die davaidavai-Ausgabenmotive der Zukunft. Den Prompt wollt ihr wirklich nicht sehen.
In eigener Sache: Ich teste auf LinkedIn gerade mal wieder einen neuen Newsletter. Ich lese zu viel. Das muss irgendwo hin. Geralds Monthlies erscheint einmal im Monat, am Ersten, als Linksammlung von persönlichen Lieblings-Transformationen aus dem letzten Monat. Wie immer eklektisch zusammengestellt, von AI-Modell bis Dinosaurierknochen, von Haribo bis Biowaffe. Subscribe here.
Viel Spaß und happy Sunday
Gerald
P.S. davaidavai ist gratis, aber für mich nicht kostenlos. Wer mich dabei unterstützen will, kann mir ein paar virtuelle Euro in den virtuellen Sparstrumpf ganz unten stecken. Einige von euch tun es sogar schon. Highly appreciated.
Strategie
Was uns zum Ziel führt
🎯 Der Stratege Alex Smith berät Firmen bei ihrer Positionierung und fragt, ob es das überhaupt noch braucht. Gute Positionierung ist heute kein entscheidender Wettbewerbsvorteil mehr. Klarheit war ein Vorsprung, solange die meisten Firmen wirr klangen. Mit ChatGPT klingt heute jede:r aseptisch, teflonmäßig glatt, und Klarheit ist plötzlich so crazy wie ein sauberer Briefkopf. Echter strategischer Vorteil entstehe stattdessen durch Knappheit, Exklusivität, Zugang und Dinge, die schwer zu kopieren sind. Ich halte das für einen der besten Texte der letzten Wochen.
📋 Was sollen Strateg:innen eigentlich leisten? Gerade, weil das Jobprofil für viele Menschen nie so megaverständlich war. Todd Sampson, damals Strategiechef von Leo Burnett in Sydney, hat seinerzeit einen sehr, sehr guten One-Pager daraus gemacht (gute Checkboxen sollen ja auf eine Seite passen, oder?). Die Kreativdirektion dürfte das mit Interesse gelesen haben. Mark Pollard hat die Jobbeschreibung wieder ausgegraben. Gutes Ding.
📚 In Zeiten, in denen sich immer weniger Senior:innen der Ausbildung des Nachwuchses widmen, ist das ein super Text. Jon Crowley fängt lieber bei der Frage an, wie die Wirkweise des Jobs ist. „You have to learn to be fast, but only after learning to be good.“ Schlauer Satz und einer, der eine Vorstellung davon gibt, dass es ein erlernbares Handwerk ist, um das es geht. Gedacht ist das für Einsteiger:innen, alten Hasen und Häsinnen schadet der Text aber auch nicht.
🎸 Am 10. Januar 1969 steigt George Harrison mitten in den Proben in Twickenham bei den Beatles aus. Seinem Tagebuch ist das genau eine Zeile wert, eingeklemmt zwischen Probe und Pommes bei Freunden am Abend: „left the Beatles“. Zwölf Tage später saß er übrigens wieder im Studio. Die ganze Szene gibt es bei Peter Jackson in „Get Back“.
Kreativwirtschaft
Gute Links für eine Branche im Dauerwandel
🧯 Coca-Cola hat 2017 den CMO-Titel abgeschafft und ihn zwei Jahre später still und leise zurückgeholt. Trotzdem schieben viele Firmen ihre Marketingchef:innen gerade in Richtung Vertrieb. Sobald jede Abteilung dank AI irgendwie selbst kommunizieren kann, stellt sich die Frage, wer die Kommunikation nach außen noch definiert und kontrolliert. Oder ob wir das heute einfach nicht mehr machen. These: Da passieren bald viele Fehler und damit wird die CMO-Rolle wieder einen Reboot bekommen. Übrigens: Ich gebe zur Rolle des/der CMO bald ein neues Whitepaper raus. Stay tuned.
🪜 Marketing-Karrieren liefen auch schon mal smoother. Unten fallen im Marketing die Einstiegsjobs weg, weil AI die Routinearbeit übernimmt. Und oben gehen die Chefposten immer öfter an Leute von außen. Und zwar nicht nur einige. Marketing Week hat die Daten aus Großbritannien gesammelt. Woher die Chef:innen von morgen kommen sollen, weiß offenbar niemand so genau. Aber wahrscheinlich machen wir das irgendwie mit AI und 3D-Druckern.
🧠 Länger als zwei Jahre hielt es der Grafikdesigner Andrew Bell in keiner Agentur aus. Als Freelancer nahm er dann so viel Arbeit an, dass kein Leben mehr übrig blieb. Lange hielt er das für sein eigenes Versagen, bis die Diagnose ADHS kam. Bei It’s Nice That erzählt er, welche Struktur ihm heute hilft.
🙃 Fast jede Agentur, die etwas auf sich hält, schreibt auf ihre Website: Wir sind keine Agentur. Man ist dann Studio, Kollektiv oder Partner für Transformation. Patrick Macomber zeigt in einem kurzen Clip, wie das endet: bei dem Zugeständnis, dass man vielleicht doch eine Agentur ist. Ist ja auch nicht schlimm, finde ich. Danke an Kamerakind Carsten für den Link.
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Creative
Kampagnen, Spots, Markenfilme, Cases
🍺 Die Harfe im Guinness-Logo ist älter als der Spruch „It’s a lovely day for a Guinness“, und sogar der stammt aus den 1930ern. AMV BBDO verbindet in dieser schönen, simplen Kampagne beides mit einem Handgriff, der so naheliegend ist, dass man sich durchaus fragen kann, warum das niemand früher gesehen hat. Anschauen.
🪥 Dyson hat sechs Jahre an einem Zahndingsbums mit eingebauter Kamera gearbeitet und legt Wert darauf, dass es keine Zahnbürste ist. Es putzt allerdings Zähne, zumindest auch. Der Film von Love Song erklärt das Ding ohne eine einzige Featureliste, nur über die Reihenfolge, in der es entstanden ist. Die zwei Minuten schaut man gern bis zum Ende. Interessant.
🧴 Mama oder Oma cremen einem das Gesicht mit Vaseline ein, und man wehrt sich mit allem, was man hat. Ogilvy Singapore und die Regisseurin Savanah Leaf machen daraus einen Film über Fürsorge, die man erst als Erwachsene:r versteht, gedreht für Kenia. Ich mag den Film, weil er eher klassisch daherkommt, aber ein alltägliches Ritual feiert, in dem sich viele Menschen wiederfinden.
🥘 WePresent ist die Kulturplattform von WeTransfer, die Geschichten aus diesem anderen Amerika toll erzählt. Aktuell läuft da gerade ein Schwarz-Weiß-Film über das Punjabi Deli in New York, das seit 1994 Taxifahrer:innen mit Essen versorgt und das nie wachsen wollte. Die Marke? Stellt nur die Bühne und hält sich sonst raus. So elegant kann Content sein, der Kultur zelebriert.
Design
Über gute Gestaltung
🍕 Dieser Punkt, wo AI auf menschliche Kultur stößt, wird gerade etwas spannungsgeladener. Lasst ein Sprachmodell zehn Pizzen ranken, erst auf Englisch, dann auf Italienisch, und die Hawaii-Pizza werdet ihr woanders finden, zeigt Slava Polonski. Leider ist dieses Spiel nicht nur quirky, sondern tatsächlich ziemlich ernst. Denn „Zeitlos“ heißt für die AI Bauhaus und Schweizer Grafik, weil sie mit diesem Geschmack gelernt hat. Tim Hoffpauir nennt das kolonial, und so ganz unrecht hat er nicht.
🎨 Interessantes Wettrennen. GPT-6.1 Sol baut eine Landingpage doppelt so schnell wie Claude Sonnet 5.5, braucht weniger vom Tageskontingent und fügt sogar Fotos ein. Nick Babich war trotzdem „schockiert“, und zwar nicht im guten Sinn. Woran das liegt, zeigt er mit vielen Screenshots. Schnell ist eben nicht dasselbe wie gut. Was „good enough“ heute ist, ist nochmal eine andere Frage.
🤖 Ist da eine neue Rolle im Entstehen? Man weiß es nicht. Bevor ein Agent gebaut wird, muss jemand klären, welche Abläufe sich dafür eignen und welche ungeschriebenen Regeln in den Köpfen stecken. Flavio Lamenza nennt das AX Design. Die erste ausgeschriebene Stelle dafür gibt es laut Lamenza schon. Ich kann mir vorstellen, dass das stimmt.
🛠 Listen teile ich eigentlich nur, wenn sie wirklich etwas teilen, was ich noch nicht kannte. Das ist hier der Fall. Digital Synopsis stellt zehn AI-Helfer für Grafikdesign vor. Einige davon habe zumindest ich mal ausprobiert. Andere kannte ich tatsächlich noch nicht. Mögen sie jemandem von euch helfen.
Content Marketing
Über Inhalte und wie man sie misst und distribuiert
🔎 Neues Futter für die fortwährende GEO-, SEO-, Brand- und PR-Diskussion. Im Juli zeigte Google bei rund 60 Prozent der Markensuchen zuerst eine AI-Antwort, Ende September bei 83 Prozent. Meistens steht die AI-Antwort sogar über der Website der Marke. Ihr Wissen holt sie vor allem aus Wikipedia, YouTube und LinkedIn. Da wäre sie dann, die neue Front der Sichtbarkeit in AI-Zeiten.
📰 Und wo wir gerade beim Thema sind: State of Brand rät Marken, zu publizieren wie eine Redaktion: mit eigenen Daten, klaren Standpunkten und den eigenen Expert:innen, vor allem auf LinkedIn. An sich eine Binse, die wir schon vor zehn, zwölf Jahren im Social-Media-Zeitalter gepredigt haben. Umgesetzt haben es die wenigsten. Aber probieren kann man es ja nochmal.
📱 Wer das mit dem Always-On aber ganz gut kann, sind unsere erfolgreichen Rechtsextremen. Simon Kruschinski und Daniel Stich haben zehn Jahre Social Media von acht Parteien in einem sehr sensationellen Posting aufgedröselt. Die AfD hat Lektionen gelernt, die die Telefax-Parteien der Mitte wohl nie lernen werden. Unter anderem, dass man die eigenen Social-Media-Kanäle nach dem Wahlabend nicht einfach abschaltet wie die Weihnachtsbeleuchtung.
AI
All Hail our Robot Overlords
🤝 Trump hat so ziemlich jeden AI-Chef ins Weiße Haus geladen, mutmaßlich um herauszufinden, wie wir Skynet verhindern (hey Ironie!). Heraus kam: Die Branche kontrolliert sich künftig selbst, „moralisch bindend“. Wie so ein Treffen aussieht, zeigt diese ziemlich bizarre Reel-Sammlung. Moralisch bindend? Wenn das, wie damals bei Social Media, bei diesen Leuten die Lösung ist, suche ich lieber schon mal nach John Connor.
🤖 Bei AI und Jobs denken die meisten wohl erstmal an Büros. Aber hey, keine Sorge. Nicht nur wir White-Collar-Worker sind dran. Drei Viertel der körperlichen Arbeit könnten Roboter heute schon erledigen. Billiger als ein Mensch sind sie dabei fast nie. Aber wenn doch, trifft es zuerst die, die ohnehin am wenigsten verdienen.
🔮 Erst Messenger-Bots, dann das Metaverse, jetzt Muse: Meta ruft alle paar Jahre die nächste große Plattform aus. Diesmal ist es ein Agent, der als niedliche Figur namens Jolly am Schlüsselbund hängt, für einen einkauft und an jedem Kauf mitverdient. Casey Newton bleibt skeptisch. Zoe Scaman erinnert währenddessen daran, für wen so ein Agent arbeitet: für den, dem er gehört.
🍎 Es gibt jetzt eine AI, die keinen einzigen Satz schreibt. Das Modell Jev beantwortet beispielhaft nur Fragen mit festen Antworten, in Sekunden und für Cents, und sagt jedes Mal dazu, wie sicher es sich ist. Damit kann eine Marke etwa jede Agenturlieferung vorab gegen ihre Leitlinien prüfen lassen. Ich habe für superspring aufgeschrieben, wie man da klein anfängt.
Wilde Werbung
Kommunikation aus einer anderen Zeit
🍾 Eine Sektflasche als Schlachtschiff? Deutschlands älteste Sektkellerei Kessler spielt 1910 mit dem Feuer. Das Motiv ironisiert die 1902 zur Finanzierung der Flottenaufrüstung eingeführte Sektsteuer. August Weiss’ kunstsinniger Sohn Rudolf (1871–1943) beauftragte bekannte Künstler mit der Ausarbeitung solcher Reklamemotive, darunter den „Simplicissimus“-Zeichner Th. Th. Heine (1867–1948). Die freche Reklame sprach ein modernes Publikum an, das vom Pomp und Säbelrasseln der spätwilhelminischen Epoche genug hatte. Ironie in einer Ecke unserer Werbegeschichte, wo man es nicht erwartet.
Wilde Karten
Karten, die die Welt erklären.
🗺 Der Stand des Zweiten Weltkriegs an dem Tag, als sich Hitler eine Kugel in den Kopf schoss. Die weißen Gebiete werden zu diesem Zeitpunkt noch von Truppenteilen der Nazis verteidigt. Etwas über eine Woche sollte der Zweite Weltkrieg danach noch dauern. Klingt nach wenig, war aber eine der Zeiten, in denen die Mordmaschine noch einmal richtig unmenschlich wurde. Sehr empfohlen dazu ist das Buch „Acht Tage im Mai“ von Volker Ullrich. Hat mir sehr die Augen geöffnet, dass mit dem Tod des Wahnsinnigen noch nichts vorbei war, weil es ja noch eine Reichsregierung Dönitz in Flensburg gab. Deren Regierungschef und Außenminister war übrigens Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk, der Großvater von Beatrix von Storch.
Wahre Geschichte
Interessantes, Haarsträubendes und Buntes. Meist Zeitgeschichte und am Ende immer Musik.
🧵 Der Teppich von Bayeux ist eines der wichtigsten historischen Kunstwerke Englands aus dem Hochmittelalter. In der letzten Ausgabe gab es schon einen Link zu einer British-Museum-Kampagne mit einer sensationellen Projektion auf die Klippen von Dover. Jetzt gibt es den Teppich dauerhaft im Netz, und man klickt sich Szene für Szene durch die Eroberung Englands, von Harolds Ritt an die Küste bis Hastings. Tolles Webspecial.
🕶 Metas komplett schreckliche Kamerabrillen filmen alles. Und wer gefilmt wird, merkt es meistens nicht. HateAid hat gerade Strafanzeige gegen Führungskräfte von Meta gestellt. Ein polnischer Entwickler hat eine App gebaut, die die Brillen an ihrem Bluetooth-Signal erkennt. Sie heißt Zuckoff. Guter Name.
📷 Ukrainer:innen zeigen auf Instagram ihre letzten Fotos vom Tag, bevor Russlands Vollinvasion begann. Darauf sind Abendessen, Renovierungen und Familienfeiern zu sehen, ganz normale Tage. Was am Morgen danach kam, war viel Trauer und Schmerz, die Russland diesen Menschen aufgezwungen hat. Sehr berührend.
Zum Schluss, wie immer, Musik. Ich mag Daði Freyr wahnsinnig gern, alles von ihm ist gut. Sein neuer Song läuft bei mir gerade rauf und runter, weil er mich so zuverlässig runterchillt. Hört rein und folgt dem Mann.
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