davaidavai #169
Guten Morgen zu davaidavai 169,
du wunderst dich vielleicht, warum dieser Newsletter heute aus einer anderen Absenderadresse kommt. Das ist kein Versehen. Das bleibt jetzt so. davaidavai ist umgezogen. Raus aus Substack, rein in die eigene Domain.
Substack habe ich nach viel persönlicher Unzufriedenheit zumindest mit diesem Newsletter verlassen. Kurzfassung: Ich war mit diversen Dingen nicht mehr glücklich dort. Die längere Version sparen wir uns. davaidavai bleibt inhaltlich gleich, aber die Infrastruktur dahinter ist jetzt eine andere.
Wer schon mal eine Plattform gewechselt hat, weiß: Es ist ein echter „Pain in the ass“, von einem leidlich laufenden System auf ein neues zu wechseln. Auch bei etwas so Überschaubarem wie einem Newsletter. Plötzlich funktionieren Dinge nicht mehr, andere nur halb, manche überraschend gut. Ich versuche, dass davaidavai wieder so aussieht wie vorher. Oder ähnlich. Hab ein bisschen Nachsicht mit mir, falls es hier und da noch hakt. Das ruckelt sich ein. Im Zweifel: Schick mir eine Mail.
Da diese Ausgabe ausnahmsweise etwas mehr Zeit brauchte, noch zwei Worte zum neuen Jahr. Ich glaube, der Jahreswechsel war für viele von uns herausfordernd. Für mich persönlich auch. Trotzdem: neues Jahr, neuer Anlauf. Die Welt ist nicht zwingend besser geworden. Aber umso wichtiger ist und bleibt der positive Blick nach vorne. „davaidavai“ heißt nicht umsonst „vorwärts“. Und zwar vorwärts im positiven Sinne des aufmunternden französischen „Allez!“. Darum geht’s hier.
Ich muss noch einige Dinge am neuen alten davaidavai fixen – aber der Newsletter kommt ab sofort endlich wieder alle zwei Wochen. Am besten speicherst du dir diese Absenderadresse ab, damit davaidavai auch sicher bei dir ankommt.
Danke, dass du dabei bist. 2026 wartet. Lass es uns gut machen.
Viele Grüße
Gerald
Strategien
Wie man Marken baut und sie langfristig erfolgreich aufstellt
🧩 Der britische Stratege Paul Feldwick nutzt einen alten Vortrag als Spiegel für die Gegenwart: Schon 2008 zweifelte er daran, dass Werbung nur wirkt, wenn sie eine eindeutige Markenbotschaft sendet. Jetzt, fast zwanzig Jahre später, fragt er sich, was davon geblieben ist – und was wir heute anders verstehen. Gute Kommunikation lebt weniger von Botschaften als von Wirkung. Marken sprechen nicht durch Worte, sondern durch das, was sie beim Publikum auslösen. Ein leiser, kluger Reminder für alle, die „Message“ noch mit „Meaning“ verwechseln.
📊 Jeder hat das schon erlebt: Die beste Strategie der Welt, aber wenn du sie präsentierst, schaut jeder auf deine Folien statt dich zu verstehen. Gerade in Deutschland ist das ein verbreitetes Problem, wo „alles reinpacken“ meist über Storytelling steht. Mark Pollard zeigt, wie man aus chaotischen Informationen eine Geschichte macht, bei der Menschen mitgehen und die eben nicht in einem Informationsmonster endet.
💡 Was für ein wunderbar unmoderner Blick auf die Welt. Alex Smith arbeitet weiter daran, Qualitätskriterien für Strategien zu verproben. Nach ihm sind die meisten sogenannten Strategien eigentlich nur schöne Sätze und geben keine Orientierung für echte Entscheidungen. In diesem Text gibt er uns drei intersubjektive Qualitätskriterien, die ihn zumindest auf die Spur guter Strategien führen.
🔥 Zoe Scaman hat mal wieder einen ganz fantastischen Text geschrieben: Was heißt es, Stratege oder Strategin zu sein in einer Zeit, in der so viel wackelt? Zoe ist dabei, wie immer, glasklar und gibt ein paar sehr gute Regeln mit, wie man „trotz allem“ überleben kann als Strateg:in. Gerade für jüngere Kolleg:innen, die ihren Weg in dieser Branche suchen, ist das ein Stück ehrliche Orientierung und der Beweis, dass selbst Denken immer noch nicht völlig aus der Mode gekommen ist.
Du bist neu hier? Cool. In diesem Newsletter kuratiere ich, Gerald Hensel, alle zwei Wochen meine liebsten „Marketing & Gedöns“-Links.
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Creative & Ideen
Alles, was aktiviert, neu oder kreativ ist
🏃♀️ Apple macht jetzt richtig Werbung – und das ist fast ein bisschen komisch. Früher stand alles für pure Product Experience, heute kämpfen Sofas, Betten und Bierflaschen gegen den inneren Schweinehund. Der Spot ist artifiziell, aber charmant in seiner Überinszenierung. Und man erwischt sich dabei, wie man denkt: Stimmt, dieses Jahr zieh ich’s wirklich durch. Vielleicht.
📺 Wer sich einmal durch gute, große Top-US-Kampagnen des letzten Jahres klicken will, ist hier richtig. Reel360 hat eine top kuratierte Liste zusammengestellt, die Spaß beim Angucken macht. Ein guter Reality-Check dafür, wie Werbung 2025 in den USA aussah: zwischen Entertainment, Klarheit und dem Versuch, überhaupt noch hängen zu bleiben. Und das zwischen einer Regierung, die alles andere sowieso ziemlich egal erscheinen lässt.
🎨 Ich mag diese jährlichen, leicht unaufgeregten Trend-Forecasts von Pinterest sehr. Auch 2026 wieder: 21 Trends, viel Stil, viel Collage, wenig Business-Pathos. Statt großer Thesen gibt’s hier immer viel Community-Flavor. Und dann diese Begriffe: Gummibärchen-Ästhetik, Yokan, Agar Agar. Da kann man sogar in meinem Alter noch richtig was lernen.
🧙♂️ Ich liebe das, weil es so herrlich nischig ist. IKEA Italy entdeckt, dass Rollenspieler:innen seit Jahren IKEA-Produktnamen als Fantasy-Orte, Goblins oder magische Schwerter missbrauchen und macht daraus kurzerhand ein offizielles Regelwerk. Ein schwedisches Namens-Zauberbuch für Rollenspielwelten, komplett auf IKEA-Sprache. Supereffizientes Brand Building in einer Community, die größer ist als man denken könnte.
UX
Über gute Erlebnisse mit Interfaces und wie man sie gestaltet
✍️ Rita Kind-Envy, frühere UX-Writerin bei Google, beschreibt, wie gutes UX-Writing entsteht durch klare Entscheidungen, einfache Sprache und konsequentes Weglassen. Der Text arbeitet mit konkreten Beispielen aus dem Google-Alltag und zeigt, warum erste Versionen fast immer schlecht sind und wie man sie systematisch besser macht.
🎲 Ein richtig guter Text von Jason Kogan, der zeigt, wie nah sich User Experience und Brettspiele eigentlich sind. Denn die Joy of Gaming entsteht nicht zufällig, sondern aus Interfaces, Regeln und Entscheidungen, die sich gut anfühlen müssen. Kogan führt das anhand konkreter Beispiele sauber durch und macht klar: Wer Brettspiele gestaltet – oder UX denkt –, arbeitet immer an denselben Fragen von Orientierung, Flow und Frustration. Sehr lesenswert, nicht nur für Game-Nerds.
World of Wikipedia
Content
Über Inhalte, wie wir sie bauen, umsetzen und nutzen.
🧠 Joe Lazer hat’s wieder getan. Letztes Jahr hat er seinen großen Hit „New Rules of Content Marketing“ publiziert. 2026 zieht er Bilanz und schreibt sie neu. Denn in nur einem Jahr hat sich im Storytelling enorm viel getan. Zwischen Google-Rankings und AI-Buzz hat Joe nun 21 neue Regeln für uns. Und wieder mal sind die ziemlich schlau.
🧩 Instagram CEO Adam Mosseri liefert eine Bestandsaufnahme zu Instagram im Jahr 2026, mitten in der AI-Revolution. Sein Kernpunkt: Ästhetik reicht nicht mehr, weil Echtheit selbst bei Fotos nicht mehr selbstverständlich ist. Er versucht, Authentizität und Wahrheit als neue Leitplanken zu setzen und fragt, wie sich Instagram verändern muss, wenn Bilder nicht mehr als Beweis taugen. Das ist natürlich eigenwillig lustig. Bitte dazu den nächsten Link auch lesen.
📱 Gutjahr nimmt Mosseris Ton auseinander und kritisiert die Naivität der Erzählung. Wenn Vertrauensverlust wie ein Wetterphänomen beschrieben wird, verschwinden Verantwortlichkeiten aus dem Bild. Dass Meta sich nun als Safehaven für guten Content und Vertrauen inszeniert, wirkt nach den letzten Jahren schwer glaubwürdig. Trotzdem lohnt sich die Replik, weil sie genau diese Verschiebung sichtbar macht.
🎥 Mich persönlich nerven Video-Podcasts eher. Und trotzdem sind sie wahnsinnig erfolgreich – so erfolgreich, dass YouTube heute die wichtigste Podcast-Plattform überhaupt ist. Der Text zeigt nüchtern, warum das so ist: Menschen wollen Gesichter sehen, Plattformen belohnen Video, und Spotify & Co. ziehen nach, weil sie sonst Aufmerksamkeit verlieren. Ob man will oder nicht – Sichtbarkeit funktioniert gerade immer öfter mit Gesicht.
AI
All hail our Robot Overlords.
Slide Deck aus einem IBM Deck für ein Mitarbeitertraining in Armonk, New York, 1979. Interessant, wie wir von diesem Statement zu „Ein Computer kann keine Verantwortung tragen, deshalb muss er alle Entscheidungen treffen“ gekommen sind.
🧠⚙️ Zwischen den Jahren habe ich mich ziemlich intensiv mit Claude beschäftigt – und war überrascht, wie nah man als Nicht-Developer plötzlich an echten Code rankommt. Mollick beschreibt, wie Claude Code heute stundenlang selbstständig programmiert, testet und deployt, fast ohne menschliches Zutun. Noch fühlt sich das Tool klar nach Developer-Welt an, aber der größere Shift ist offensichtlich: Claude verändert gerade, wer überhaupt bauen darf.
🏙️ AI glättet Kultur wie Gentrifizierung Kieze: Erst verschwindet das Kantige, dann bleibt poliertes Slop. Der Text bringt den Punkt sauber: Originalität entsteht aus Fehlern, Brüchen, Üben – keine großer Musiker:in ohne mühsamen Prozess. Manche Inhalte lassen sich maschinell ersetzen, Kultur nicht. Der wachsende AI-Nutzungsdruck in der Kreativarbeit wird zur Probe fürs Menschsein.
Retro Kommunikation: The Alfie
In den 1970ern und 1980ern war Schauspieler Michael Caine die Ausgeburt männlicher Coolness. Das neue Ding Männermode gehörte dazu. So wie diese „Alfies“ – Bloody Large Glasses, die er auftrug.
Schlaue Karten: Weinbau x Klimawandel
Die Zonen in Europa, in denen Weinbau möglich ist, wandern, seit Jahren nach Norden. Weinberge, wie in Deutschland, sind hier nicht Teil der Kartendarstellung. Die Darstellung kommt vom Europe Magazine auf Instagram https://www.instagram.com/europe.magazine/
Wahre Geschichte
Alles, was ich sonst nirgends einordnen kann. Oft Zeitgeschichte, immer Musik.
☢️ Es gab eine Zeit, in der die US-Regierung Atomwaffen in der Nevada-Wüste testete und normale Menschen fuhren hin wie zu einem Konzert. In den 1950ern leuchteten Explosionen den Himmel über Los Angeles auf—Zeitungen schrieben „Los Angeles hatte zwei Sonnenaufgänge“ und beschrieben es wie einen Wetterbericht. Ein Blick zurück zeigt: Wie sicher waren wir uns wirklich, dass das ungefährlich ist? Und was glauben wir heute ohne zu fragen?
💀 Im italienischen Venzone gab es über 40 mittelalterliche Mumien, die sich nach einer Pestepidemie natürlich erhalten hatten. Bis in die 1970er Jahre waren sie Teil des alltäglichen Dorflebens—Menschen berührten sie, erbaten Segen. Nach einem verheerenden Erdbeben 1976 wurden die Mumien dann in kontrollierten Umgebungen ausgestellt. Eine faszinierende Geschichte, wie unterschiedlich Kulturen mit Sterblichkeit und Vergangenheit umgehen.
🧭 Menschen lieben Epochenbegriffe, vor allem für die Zeit, in der sie selbst leben. Thomas L. Friedman sucht hier nach einem passenderen Label als dem etwas abgegriffenen Anthropozän und landet beim „Polyzän“: einer Welt, in der sich alles gleichzeitig verändert. Technik, Politik, Klima, Kultur – nichts läuft mehr nacheinander, alles parallel. Ein philosophischer, gut lesbarer Text über Überforderung, Tempo und die Schwierigkeit, diese Gegenwart überhaupt noch sauber zu benennen.
🎵 Ich bin ja nach wie vor total von guten Mashups geflasht. So ein Mix ist Bill McClintock gelungen. „Mother was a Rolling Stone“ bringt Glen Danzig und die Temptations zusammen – zwei Dinge die nicht zusammengehören und es irrerweise dann doch tun. Das kriege ich jedenfalls nicht mehr aus dem Schädel…
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