Würde Alan Turing heute leben, wäre er vermutlich ein beliebter, oft zitierter Mann. Ein Typ, dessen Worte und Erkenntnisse man auf LinkedIn teilt. Ein Liebling von Financial Times bis Business Punk. Aber Alan Turing lebt nicht heute. Er lebte von 1912 bis 1954 in Großbritannien. Und sein Leben und Wirken sagen viel darüber aus, wie sehr man an gesellschaftlichen Mehrheits-Werten zweifeln muss, wenn sie fundamental menschenfeindlich sind. Denn Turings Geschichte ist durchaus traurig. Auch – oder gerade – wenn ihm die britische Bank heute eine Fünfzig Pfund Note widmet. Denn diese Widmung ist eine späte Verneigung vor einem Computer-Genie, dem viel Unrecht angetan wurde.

Alan Turing
Alan Turing im Alter von 16 Jahren, Public Domain

 

Turing ist in Großbritannien sehr bekannt – auch weil seine traurige Geschichte über Jahre hinweg das Königreicht gesellschaftlich beschäftigte. Die meisten Deutschen werden hingegen seine Geschichte nicht kennen, wenn sie nicht den Film „The Imitation Game“ (s.u.) gesehen haben.

Turings Vater ist Kolonialbeamter im britisch besetzten Indien des frühen 20. Jahrhunderts. Bevor Alan auf die Welt kommt, ziehen die Eltern zurück nach Großbritannien. Der Junge wird mit seinem Bruder zur Erziehung in eine gut situierte Pflegefamilie gegeben, weil der Vater wieder nach Indien zurückreist. Schnell zeigt sich, dass Alan hochbegabt ist. Der Junge wird Mathematiker, studiert in den 30ern auf dem King’s College und legt bedeutende Grundlagen für die damals noch nicht existierende Informatik. In den 1930ern und 40ern arbeitet er in Princeton und Cambridge, baut prototypische Computer, streitet mit Wittgenstein, schafft völlig ungedachte neue Mathematikrichtungen wie die Kryptoanalyse und arbeitet an früher AI. Turing ist ein Genie, das grundlegend für all das ist, was heute unsere Welt zum Brummen bringt. Er ist einer der ganz frühen Computer-Nerds. Nach Ende des Kriegs wendet sich Turing der Computerentwicklung zu und arbeitet am National Physical Laboratory in Teddington (1945/47), wo er das Konzept der „Automatic Computing Engine“ (ACE) entwirft, und als stellvertretender Direktor des „Computing Laboratory“ an der Universität Manchester (ab 1948) arbeitet.

Erst Jahre nach seinem Tod wird klar, welche herausragende Rolle Turing bei der Entschlüsselung der deutschen Enigma Maschine in der „Government Code and Cypher School“ gespielt hat. Im Kern war Enigma eine für damals fast unknackbar gehaltene Verschlüsselungsmaschine, die u.a. mit Turings Hilfe im Zweiten Weltkrieg geknackt werden konnte. Ab 1942 konnten die Alliierten so die deutschen Funksprüche an deutsche U-Boote im Atlantik entschlüsseln, was ein entscheidender Schlag gegen die Kriegsmarine der Nazis war. Auch hier spielte Turing eine entscheidende Rolle.

Nun kommt der tragische Teil: Denn Alan Turing lebt eben nicht heute. Nach dem Krieg wird in der britischen Öffentlichkeit plötzlich publik, dass Alan Turing schwul ist. Er hatte eine Affäre mit einem jungen Mann, der bei Turing einbrach und ihn im Verlauf der Ermittlungen outete. Da Homosexualität in Großbritannien damals, wie in vielen anderen Ländern auch, strafbar war, lässt man Turing „die Wahl“: Gefängnisstrafe oder „Chemische Kastration“. Zwei Jahre unterzieht sich Turing einer Östrogen-Hormonbehandlung, die schwere Folgen für seinen Körper hat und in einer massiven Depression mündet. 1954 wird Alan Turing dann tot nach einer Cyanid-Vergiftung aufgefunden. Durch schwere Verfahrensfehler kann nie aufgeklärt werden, ob er wirklich Suzid begangen hat. So wird nicht einmal der Apfel, den er angebissen hatte, auf Gift untersucht. Vieles deutet aber darauf hin. Jahrelang hatte er die Verszeile „Dip the apple in the brew / Let the sleeping death seep through („Tauch den Apfel tief hinein / bis das Gift wird in ihm sein“), aus dem Disney Film Schneewittchen als Lied auf den Lippen. Freunde und Zeitgenossen beschreiben Turing als gebrochenen Mann, der an den Folgen der Hormontherapie und der gesellschaftlichen Ächtung leidet.

Alan Turing Plakette in der High Street Hampton, CC Wikipedia

Fast so skandalös wie der Umgang mit Homosexuellen generell und Alan Turing im Speziellen ist die Nachbereitung des Unrechts. Nicht, dass das in Deutschland besser vonstatten gegangen wäre. Aber erst 2009 bringt eine Petition von 30.000 britischen Bürgern die britische Regierung zu einer schmallippigen Entschuldigung, die aber explizit keine Rehabilitation ist. Noch 2013 erklärt die britische Regierung, dass eine Rehabilitation Turings gar nicht möglich sei, weil die Diskriminierung von Homosexuellen seinerzeit „Recht“ war. Bei diesem „Recht“ geht es übrigens natürlich nicht nur um Turing. Sondern um tausende und abertausende britischer Bürger, die Haft und gesellschaftliche Ächtung zu ertragen hatten.  Erst am 24. Dezember 2013 wird Alan Turing durch ein Sonderrecht der Queen rehabilitiert. Noch 2016 konnte sich das britische Parlament nicht auf eine generelle rückwirkende Rehabilitation für tausende schwuler Männer einigen, denen ähnliches Unrecht in den Jahrzehnten davor angetan wurde. Erst 2017 ging hier ein erneuter „Royal Pardon“ den nächsten nötigen Schritt weiter.

Alan Turings Fall zeigt auf, wie sehr Größe vom Zeitgeist und Moralvorstellungen abhängig ist, die man kaum so nennen kann. Selbst ein Kriegsheld und intellektueller Vordenker schaffte es hier nicht, das morsche Gerüst der muffigen Vergangenheit zum Einsturz zu bringen.

Die neue Pfund-Note der britischen Bank ist hier eine späte Verneigung vor Alan Turing. Interessant ist sie aber auch aus Design-Gesichtspunkten: Das Band neben seinem Portrait stellt Alan Turings Geburtstag, den 23. Juni 1912, in Binär-Code dar. Turings Unterschrift stammt aus dem Gästebuch des britischen Codeknacker-Hauptquartiers Bletchley Park, wo Turing an der Entschlüsselung der Enigma arbeitete.

Update:
Ich wurde auf den mir bis dato völlig unbekannten Film „The Imitation Game“ aufmerksam gemacht, in der Benedict Cumberbatch großartig Alan Turing spielt. Gestern gesehen und für toll befunden. Hier ist der Trailer…

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Informationen zu Alan Turings Leben und Werk (Auswahl, via mathematik.de)

Fotos und Poster von Alan Turing

Hörfunk-Beiträge zum Turing-Jahr und zum Turing-Test

Author

Gerald macht davaidavai.com. Schon seit Ewigkeiten, wenn er auch alle paar Jahre diese Seite einmal komplett relauncht und dann von vorne anfängt. Normalerweise ist Gerald Stratege für digitale Marken.

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