davaidavai #182
Gerald Hensels kurierter Marketing Link Mix aus zwei Wochen. „Ich lese für euch vor, damit ihr es nicht machen müsst.“
6. September 2026
Willkommen zurück zu davaidavai 182.
Seit davaidavai 181 kam der Sommer dazwischen, und ich habe ihn genommen. Jetzt ist September, ich habe ein schulpflichtiges Kind und der Lesestapel aus zwei Monaten war so hoch, dass diese Ausgabe etwas dicker geworden ist als sonst.
Ein Thema zieht sich durch einige Artikel: Wenn Produzieren nichts mehr kostet, wird das Nein zur eigentlichen Arbeit. Alex Smith fragt, wie man überhaupt noch gewinnt, wenn alle dasselbe anbieten. Dazwischen ruiniert Apple absichtlich das eigene Produktfoto, Anduril bewirbt einen Kampfrotor wie einen Spielzeugkatalog. Dazu Dating-Kassetten, die nie in den 80ern gedreht wurden, dazu ein Nachruf auf das offene Web, ganz hinten eine neue Weltkarte und Musik aus Paris.
Im November steht mein vierter Club der Postrationalist:innen an, unser Netzwerk-Abend für Strateg:innen aus Hamburg und dem Norden, am 25. November im Haus 73 an der Schanze. Tickets gibt es hier. Verdienen tue ich daran nichts, die Raumgebühr will bezahlt werden.
Und wer am Tag der Sachsen-Anhalt-Wahl diesen Newsletter noch doof finden möchte, dem/der gebe ich noch dieses bei Natalie Amiri gefundene Hannah Arendt Zitat mit. Ihr wisst, wen sie meint.
davaidavai kommt jetzt wieder alle zwei Wochen. Lasst euch heute Abend die Laune nicht versauen, sondern kämpft um unsere offene Demokratie.
Gerald
P.S. davaidavai ist gratis, aber für mich nicht kostenlos. Wer mich dabei unterstützen will, kann mir ein paar virtuelle Euro in den virtuellen Sparstrumpf ganz unten stecken. Highly appreciated.
Strategien
Was uns zum Ziel führt
🎈 Wir leben in einer Welt, ohne echte USPs. Einer Welt, in der alle dasselbe anbieten. Alex M H Smiths Antwort glaubt, dass das eigentlich kein neues Problem ist. Am Anfang gewannen die, die überhaupt etwas anbieten konnten. Dann die, die sich mit Marken differenzieren konnten. Für unser komplexes Heute, in dem alle alles kopieren können, bietet er in seinem Text ein gutes Denkmodell an.
🍹 Aperol war mal ein süßes norditalienisches Familienunternehmen, das niemand kannte. Der Kauf durch Campari, 2003, hat daraus die größte Brand im Konzern gemacht. In zwei Dekaden ging es von 60 Millionen Gläsern im Jahr auf 1,5 Milliarden. Will Poskett zeigt, wie das ging: ein fixes Rezept, fünfzehn Sekunden Zubereitung und tausende kostenlos geschulte Barkeeper. Umworben wurden nicht die Gäste, sondern die Leute hinter der Theke.
⚽ Die WM ist vorbei. Nike hatte das ganz große Besteck ausgepackt, Ronaldo, Mbappé, Kim Kardashian, vier Tage später über 60 Millionen Views. Autor Rei Inamoto war 2002 selbst dabei, als Nike diese Sorte Superbig-Budget-Film erfunden hat, und freut sich über die Rückkehr des alten Playbooks. Trotzdem: Für 99,9 Prozent aller Marken funktioniert das nicht, weil sie keinen dieser Namen bezahlen können.
🧾 OpenAIs Marketingchef feiert, dass jetzt jeder angeblich Marketing machen kann, weil jeder sein Interface bedienen kann, das so tut, als mache es Marketing. Die Gegenrede kommt von State of Brand: Früher war Produzieren teuer, also hat man Vorhandenes immer und immer wiederverwendet. Templates machten Konsistenz. Heute kostet Produktion nichts mehr. Nur braucht es jetzt wieder Menschen, die Nein sagen zu Ergebnissen, die in Ordnung sind und nichts gekostet haben. Interessanter Take.
📚 Über Listicles kann man definitiv als Format streiten. Prof. Dr. Andreas Fuchs‘ Liste finde ich trotzdem gut. Er hat zehn große Marketingtheorien zusammengestellt, die seiner Meinung nach wirklich zählen, von Drucker bis Kahneman. Alle haben – anders als “1.000 Hacks, die du morgen auf Claude ausprobieren musst“ – Technologiebrüche überlebt und sind mehrheitlich immer noch valide. Kann man sich definitiv mal wieder anschauen.
Das Rattentaxi nehmen
🐀 Über manche Nischenthemen könnte ich lange Nischenvorträge halten. Die Neigung, europäische Nationen wechselseitig mit unschönen Begriffen zu bedenken (“Spanische Grippe“) ist einer dieser Nischenvorträge. Das gilt übrigens nicht nur für Krankheiten. Sondern auch für unkommunizierte Party-Exits.
Die meisten europäischen Sprachen beschreiben den polnischen Abgang so, dass damit ein anderes europäisches Land beleidigt wird: Die Engländer gehen französisch, die Franzosen englisch, wir polnisch. Nicht so die Niederlande, die – wie auch im Fluchen – wieder besonders kreative Wege gefunden haben, diese Situation zu beschreiben. Kein Nachbar zu Schaden gekommen.
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Kreativwirtschaft
Gute Links für die kreativ wirkende Branche
🪧 Was Marketing und Strategie ist, ändert sich gerade ein klein wenig. Das ist eine Binse. Ein Teil dieses Narrativs dreht sich aber auch um die Frage, was eigentlich mit den Jobtiteln passiert, die wir bisher hatten/kannten. Anscheinend passiert da was in den USA, wenn man Fortune glauben will. Denn der Jobtitel des/der CMO scheint zunehmend aus dem Org-Chart gestrichen zu werden. Obacht: Zu dem Thema gebe ich bald ein kleines Whitepaper raus.
🧶 Paolo Pedercini ist ein Game-Designer, der hier einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben hat. Er erzählt die Geschichte der Videospiele als Reihe von Krisen (Massenaussterben), die die Branche aus Atari-Tagen vor sich her getrieben haben. Hinten verlässt er die Spielebranche und beschreibt, wohin jeder Wertschöpfungsprozess wandert, dessen Produktion kaum noch etwas kostet: Es wird weiter Geld verdient, nur nicht von denen, die die Arbeit machen. Choudarys Reshuffle lässt grüßen.
🧱 Ein Design-System legt fest, was als Minimallösung rausgeht. Wie gut ein Produkt am Ende wird, entscheiden die Teams, die damit arbeiten. Ben Callahans Punkt ist, was die System-Teams daraus machen: Sie ziehen sich zurück, weil das Schaffen von Exzellenz nicht im Aufgabenbereich von Designsystem-Teams liegt. Genau das hält er für den Fehler. Qualität heben und Qualität definieren sind zwei verschiedene Jobs, und beim zweiten müssen die mit am Tisch sitzen, die Design-Systeme entwickeln.
Creative
Kampagnen, Spots, Markenfilme, Cases
🐕 Ein Hund hat ein iPhone im Maul. Auf dem nächsten Plakat balanciert eins auf dem Badewannenhahn, auf dem übernächsten schmiert ein Kleinkind Fruchtmus über die Linse. Apple bricht mit „Relax, it’s iPhone“ gleich mit mehreren lieb gewonnenen Kategorien. Vorbei sind die Zeiten, in denen Apple auf das perfekte ikonische Produktbild setzte. Massenmarkt iPhones des Jahres 2026 spielen woanders und in anderen Kontexten.
🎸 Kate Moss singt Chris Isaaks „Wicked Game“ von 1989, allerdings nur mit den Lippen, in einem roten Saal voller Fremder. Regie führt Johan Renck, der auch Chernobyl und Bowies letzte Videos gemacht hat. Ich liebe den Song. Aber auch, wenn das alles so ein bisschen beliebig aussehen soll, es ist genau das Gegenteil. Bekanntes Gesicht, bekannter Song, wie oben bei Nike. Anders kommt gerade offenbar niemand mehr durch.
🏃 Und jetzt das Gegenteil von oben. Die Laufmarke Bandit hat drei Monate lang 104 Szenen in New York gedreht. Kein Promi, kein großes Konzept, nur Läufer:innen, die Stadt und sehr gutes Filmhandwerk. Dazu die beste Verwendung vorhandener Straßenschilder, die ich je in einem Markenfilm gesehen habe. Manchmal ist das Handwerk die Idee.
🪖 Und weil wir ja in einer düsteren neuen Zeit leben, werben Drohnenkonzerne mittlerweile mit Comic Strips auf Instagram. Das Rüstungs-Startup Anduril stellt einen autonomen Kampfrotor vor, der unbemannt neben US-Kampfhubschraubern fliegt, zehn Hellfire-Raketen unterm Rumpf. Beworben wird das in Comic-Strip-Ästhetik, als käme das Ding frisch aus einem GI-Joe-Set. Wann wurde die Vermarktung von Kriegsgerät eigentlich zum Spielzeugkatalog?
Design
Über gute Gestaltung
🧩 Meta hat sein internes Designsystem geöffnet: acht Jahre gewachsen, 160 Komponenten, hübsche Themes. Nett, aber die eigentliche Nachricht steht im Kleingedruckten: „agent ready“. Das System ist nicht mehr für Designer:innen gebaut, sondern für Agenten, die es per MCP und Kommandozeile bedienen. Wer da künftig für wen gestaltet, fragt Meta nicht.
🎨 Die einfachste Erklärung für generische AI-Bilder lautet: schlechtes Modell. Crespo arbeitet als Designer bei OpenAI und sieht den Fehler früher. Er passiert, bevor man das Modell überhaupt anfasst. An einem erfundenen Produkt baut er aus losen Referenzen eine eigene Bildsprache auf. Nebenbei ist es eine der besten Anleitungen für den Cowork-Ordner-Workflow, die ich bisher gesehen habe.
🏷 Die EU-Kennzeichnungspflicht ist da. Und die EU-Kommission liefert das Gestaltungsmaterial zur Kennzeichnungspflicht gleich mit. Ein paar Rechtstexte zum Thema stehen übrigens auch dabei für alle, die sich nochmal einlesen wollen/dürfen/müssen.
Content Marketing
Über Inhalte und wie man sie misst und distribuiert
🚪 Wirkt wie handwerkliches Fach-Blabla, ist aber Teil einer größeren – durchaus Budget-relevanten – Diskussion, die ich hier mal versucht habe, zusammenzufassen. Aktuell streiten sich nämlich SEO, PR und noch ein paar andere Expert:innen, um die Frage, wem AI-Mentions gehören. Meine These: Am Ende geht’s wieder um Marke und Medienpartnerschaften, alles andere Augenwischerei. Dieser Artikel macht da durchaus einen Punkt.
🧲 Die habe ich in der ganzen Diskussion noch vergessen: Sogar Creator müssen sich jetzt schon der neuen AI-Mentions Welt beugen. Chatbots durchsuchen für ihre Antworten alles außer Markenseiten. Also kaufen Marken jetzt ein, was andere über sie schreiben. Agenturen prüfen, welche Creator in AI-Antworten auftauchen, und schreiben Bildunterschriften maschinenlesbar. Nachweisen kann den Effekt niemand, gekauft wird trotzdem. Das alles ist ein großer Kessel Voodoo.
🐈 Das ist ein ziemlich interessanter Text für Leute, die sich für Referral Programme interessieren (oder wenigstens für: “Thomas, setz doch mal einen Like unter meinen Post“). Die Social Media Company Buffer verkauft Software zum Publizieren und zeigt im eigenen Haus, wie es geht. 88 Prozent der 66 Mitarbeitenden posten, zusammen über 21.000 Beiträge.
🎬 Dass Social Media nicht mehr sozial ist, weiß inzwischen jeder. Peabody dreht die Richtung um: Social war mal das Sprungbrett in die etablierten Medien. Inzwischen schlagen die Stärksten CNN aus und bauen lieber auf YouTube weiter. Für Markenteams heißt das: Der Wettbewerb ist nicht der andere Markenaccount, sondern alles, was gerade jemandes Aufmerksamkeit hält. Teams sollten sich darauf einstellen.
James Henry Beard · „It Is Very Queer, Isn’t It?“ (1885)
🐒 Im Central Park Zoo saß Mitte der 1880er ein Schimpanse namens Mr. Crowley, den halb New York besuchen kam, und Beard hat ihn nach dem Leben gemalt: aufrecht im Holzstuhl, die Hand am Kinn, im Arm Darwins „Abstammung des Menschen“, daneben zwei Schädel, ein menschlicher und ein Schimpansenschädel. Erzählt wird außerdem, Crowley habe die erste Fassung zerrissen, als er sie zu sehen bekam. Kann ich verstehen.
AI
All Hail our Robot Overlords
🧠 Agenten schreiben schneller Text und Code als du ihn lesen kannst. Ich denke, wir alle verstehen langsam, was unsere Challenge im AI-Zeitalter sein wird, wenn wir noch Bedeutung haben wollen: Wir müssen zumindest verstehen, was die AI tut. Litts Text zeigt da einen guten Prozess auf. Sein bester Trick ist ein Quiz am Ende, das er als „Speed-Regler“ benutzt. Guter Text.
✍️ Unser Verhältnis zu und Verständnis über AI transformiert sich ständig. Noah Brier schreibt seine AI-Thesenliste jedes Jahr fort. Sein Punkt: Wer AI vor allem im Chatfenster benutzt, hat absolut keine Vorstellung davon, was die Modelle können. Und genau aus dem Grund tue ich nebenbei gerade Dinge, die mich früher nie beschäftigt haben: Bewegtbildproduktion zum Beispiel. Mehr dazu bald.
🔬 Das Mikroskop hat nicht nur kleine Dinge gezeigt, es hat die Keimtheorie hervorgebracht. Kelly liest AI als das nächste solche Instrument. Und zwar als Instrument, um die Intelligenz selbst zu verstehen. Denn es gibt bis dato keine Theorie der Intelligenz. Niemand weiß, was sie ist, wie man sie misst oder woher mehr davon kommt.
🕸 Oben ging es darum, ob wir noch verstehen, was die Maschine tut. In diesem Text schreiben fünf Autor:innen einen klugen Nachruf auf das offene Web, das zu unserem neuen digitalen Heute geführt hat: Früher zwang einen die Suche, Quellen aufzurufen und verschiedene Stimmen zu lesen, heute liefert die Maschine die fertige Antwort. Man kann das durchaus als valide Kritik lesen, wenn einige Autor:innen genau diese Zerstörung des Menschlichen im alten offenen Web bedauern.
Wilde Werbung: Der Jordache Look
Kommunikation aus einer anderen Zeit
📣 Viel Rumgehampel war 1984 so der richtige Hot Shit. Die damals schwer angesagte Jeansmarke Jordache ließ ihren Namen am Strand vortanzen, zusammen mit einem leicht psychedelischen Jingle. Wer sich fragt, wie Werbung aussah, bevor jemand Performance erfunden hat: so.
Schlaue Karten: Halb Kanada lebt südlicher als du denkst
Karten, die die Welt erklären.
🗺 Kanada hat man ja immer als riesige Landfläche im Kopf, die weit nach Norden reicht. Stimmt auch, aber bei knapp 45,98 Grad Nord kann man eine gedachte Linie auf den Boden malen, und ungefähr die Hälfte aller Kanadier:innen lebt südlich davon (weil Toronto da liegt). Warum sich alles in einem schmalen Streifen entlang der US-Grenze staut, hat mit Wasserwegen, Böden und Eisenbahnen zu tun, kann man in diesem interessanten Quora Thread lesen.
Wahre Geschichte
Schlimmes und Buntes. Meist Zeitgeschichte und am Ende Musik.
🌍 Dass Karten Macht sind, sieht man nicht nur oben, sondern gerade auch in New York. Auf Antrag Togos hat die Uno beschlossen, dass Regierungen, Schulen und Techkonzerne künftig flächentreue Karten verwenden sollen statt der Mercator-Projektion von 1569, auf der Grönland so groß wirkt wie ganz Afrika. 164 Länder stimmten dafür, die USA als einziges dagegen. Auch das ist eine Form von Kolonialismus. Bindend ist der Beschluss allerdings nicht.
🎥 Eine SFB-Doku von 1999 filmt einen Ort genau in dem Moment, in dem er sich so richtig verwandelt: Trabi, Außenklo und Kohleofen sind noch im Bild, die ersten Latte Macchiatos sind auch schon da. Konnopke gegen Shoppingcenter, Schusterjunge gegen Handyladen. Und dazu immer die große Investor:innen-Frage, wie man hier mal endlich richtig sanieren kann, nachdem man den Punk oder die Oma aus der Wohnung bekommen hat. Trotz allem: Ich liebe dich, Prenzlauer Berg.
🎞 Wo wir gerade bei Liebe sind. Den Insta-Account @vhsdates lieb(t)e ich sehr. Angeblich zeigte er US-Singles, die 1988 auf VHS-Dating-Kassetten ihr Glück suchten: Big Hair, schlimme Blazer, einsame Herzen, die aussehen wie Ned Flanders nach ein paar Schicksalsschlägen. Und dann kam die New York Times und fand die Filmemacher, die zugaben, dass sie das alles 2026 produziert haben. Ziemlich beeindruckend und trotzdem irgendwie schade.
🎤 Zum Schluss, wie immer, Musik. Fleur de Mur aus Paris machen Nu Disco. Und schon ihr Anspruch, Tanz-Musik wieder live erlebbar zu machen, ist nur zu unterstützen. Da ist viel Spaß an der Sache und noch mehr Energie. Folgt denen, damit die größer werden.
📬 Und weil hier gerade so viel Weltlage war: Als studierter Politologe bringe ich etwa alle zwei Wochen noch einen zweiten Newsletter heraus. In Neue Bellona geht es um Sicherheitspolitik, die Ukraine und die europäische Verteidigung. Wer mag, abonniert ihn dort gleich mit.
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