davaidavai #179
Gerald Hensels kurierter Marketing Link Mix aus zwei Wochen. „Ich lese für euch vor, damit ihr es nicht machen müsst.“
14. Juni 2026
Willkommen zu davaidavai 179.
Diesmal habe ich mir tatsächlich eine Auszeit gegönnt — ich war im Urlaub, ein bisschen Kraft tanken mit Familie und viel Sonne. Hat hervorragend funktioniert. Verzeiht mir den Ausfall einer Folge; mit der 180 bin ich dann wieder wie gewohnt in zwei Wochen da.
Und ein Hinweis an alle, die sich der Strateg:innenzunft nahe fühlen: Der dritte Club der Postrationalist:innen findet am 30. Juni im Haus 73 in der Hamburger Schanze statt, also in zwei Wochen. Tickets gibt’s hier. Die Vorträge kommen von 📚 Thomas Knüwer, CCO von Accenture Song, der darüber spricht, wie man trotz (oder wegen?) eines fordernden Jobs in einer großen Beratung tolle Bücher schreibt, sowie von 🧠 Baiba Matisone und Christopher Owens, die brandLingual vorstellen. Mehr dazu hier. Ich würde mich total freuen, wenn wir uns da sehen.
Liebe Grüße und viel Spaß mit davaidavai 179.
Gerald
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Strategie
Was zum Ziel führt
🖱️ „Klicks messen zu können ist das Schlimmste, was dem Marketing je passiert ist“, das ist die Basisthese dieses lesenswerten Textes. Die These: Das Digitalmarketing ist in die Falle geraten, das Messbare mit dem Wirksamen zu verwechseln. Marken wachsen aber nicht durch mehr Klicks, sondern durch kreative, wiedererkennbare und langfristig erinnerbare Kommunikation, die Menschen später gezielt nach ihnen suchen lässt.
🧭 Auch Strateg:innen müssen im AI-Zeitalter ihren spezifischen Wert herausarbeiten. Ed Cotton ist zwanzig Jahre im Job und macht hier ein paar handfeste Vorschläge, wie Strateg:innen genau diese Fähigkeit wieder schärfen. Listicles finde ich ja immer etwas schwierig. Aber das kann man sich durchaus mal angucken.
🛠️ Seltene Fundsache für alle, die strategisch denken oder es unterrichten: Wikiversity hat einen kostenlosen Kurs gebaut, der kreatives Problemlösen sortiert und für jede die passenden Werkzeuge mitliefert, von SMART Goals über SCAMPER bis zu den Six Thinking Hats. Wandert bei mir direkt in die Lesezeichen in die Abteilung: „Muss ich dringend mal wieder rausholen und vielleicht irgendwann durcharbeiten.“
🧠 Gerade in unserer technisch-getriebenen Zeit habe ich die Liebe zur Kreativstrategie nicht verloren. Deren Rolle erklärt Joe Burns hier sehr gut. „Man kann Menschen zu nichts zwingen. Man kann sie nur dazu bringen, etwas selbst zu wollen.“ Kommunikation, die wirkt, baut einen Grund, etwas zu wollen, statt Konsument:innen in eine Richtung zu drücken. Ich glaube, gerade im Zeitalter von „Gleichgleich“ wird dieser Skill wieder dringend gebraucht.
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Kreatives
Aktuelle Lieblingscases aus Kommunikation und Markenführung
🎙️ Schöne Idee: Audible baut in New York eine Buchhandlung ganz ohne Bücher. Das Story House ist leider nur ein Popup und fühlt sich wie ein modernes Wohnzimmer an. Aber die Idee ist grundrichtig. Ich bin noch aufgewachsen in einer Welt, in der Wohnungen Bücherschrankwände hatten. Man kann sich schon fragen, was mit der Rolle von Büchern in Wohnungen passiert, wenn Bücher nur noch digital sind.
🪴 Pflanzenerde stand nicht auf meiner Werbe-Bingokarte, und trotzdem macht dieser Spot sofort Lust aufs Einpflanzen. Torf-P0rn nennt man das dann wohl. Da mag man direkt auf den Balkon und irgendeiner vernachlässigten Pflanze ein neues Zuhause geben: „Come Back To Earth“ ist dafür auch ein ziemlich guter Claim. Finde ich zumindest.
❤️ Ein Leben in Zahlen, 76 Sommer, 15 große Lieben, 2,5 Milliarden Herzschläge, und am Ende der Satz: „Our most human moments should be celebrated with humans.“ Etsy, der Hafti unter den Selbstmachplattformen, positioniert sich als Marke für echtes Leben. Das Wort AI fällt kein einziges Mal. Aber man merkt, auf welche Welle diese Kampagne surfte: Zumindest als kulturelles Statement wird AI langsam uncool.
👀 Auf den Film Backrooms freue ich mich total. Zum Start hat McDonald’s selbst einen kleinen Horror-Spot gedreht, der auf dem Überraschungserfolg aus den USA basiert. „You’ve been here before.“ Ein Lehrstück, wie schnell eine Marke auf einen Kinomoment aufspringt. Die Ästhetik der Backrooms ist nicht nur leicht verstörend. Warum daraus heute Horror wird, habe ich aufgeschrieben.
Allegory of Satan (Lord of the World)
Ludwik Stasiak, 1900 · Nationalmuseum Krakau
👑 Bei Stasiak ist der Teufel der satte König auf dem Thron, dann das Lächeln, die Goldmünze in der Hand, der Boden voller Schädel und Kronen, dazu eine Spur aus Münzen. Stasiak malt den Teufel als geduldigen, gut gelaunten Herrn, der weiß, dass er jeden am Ende bekommt. Ein fantastisches Gemälde.
Design
Wie Dinge aussehen und funktionieren
🪜 Ein Grundlagentext von 2019, gerade deshalb nützlich, weil er aus der Zeit vor der großen Gleichgleich stammt. Pascal Potvin erklärt Prioritäten und Hierarchien in visuellen Systemen und warum sie so wichtig sind. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es genau dieses Wissen ist, das bei Designer:innen erhalten bleiben muss, damit automatisierte Systeme künftig Sinn machen.
🎨 Nein, hier geht es mal nicht um Claude Fable und seine Zugangsbeschränkungen. Es geht um seine Gestaltung als Marke. Und die sieht tatsächlich sehr einzigartig aus. Während die Branche im Neon-Gradienten-Modus schreit, baut Anthropic eine ruhige Welt aus warmen Tönen und einem Pixel-Maskottchen, das nebenbei Tee aufzusetzen scheint. Worldbuilding: Branding als Ritual statt nur als Look.
🪙 Manchmal sucht ja jemand von euch eine aktuelle Inspiration für ein totgeglaubtes Genre. Visitenkarten sind ja so ein Beispiel. Creative Boom zeigt hier sechzehn Karten wunderschöne Beispiele, die Papier, Prägung und Haptik neu zusammenbringen. Also all das, was ein Bildschirm bis heute nicht kann. Schöne Liste zum Angucken und zum Klauen.
🦯 Smashing Magazine Chefredakteur Vitaly Friedman hat seine ganzen Barrierefreiheit-Guidelines in einem Post gebündelt, von ADHS über Design für Kinder bis zur alternden Bevölkerung. Klassische Fundgrube zum Wegspeichern und immer wieder Rausholen, wenn man es braucht. Irgendwer von euch braucht ja sowas immer.
Content
Inhalte, die funktionieren
🚪 Wenn sich Likes, Follower und Bewertungen beliebig fälschen lassen, beweist Reichweite gar nichts mehr. Was bleibt, ist Vertrauen, das über Jahre in einer echten Community wächst und sich nicht kaufen lässt. Das kommt einer brauchbaren Definition von Marke ziemlich nah. Kommt von Eli Pariser, dem Mann hinter dem Buch „Filter Bubble“, und ist eine starke Präsentation. Anschauen.
🛤️ Der Economist testet ein interessantes Modell, das Schule machen könnte: zwei Versionen derselben Inhalte, eine für Menschen, eine für Maschinen. Vorerst nicht hinter der Paywall, sondern beim Marketing- und B2B-Material, das ohnehin offen liegt. Das baut er für AI-Antwortmaschinen um, weil Recherche immer öfter in LLMs beginnt. Wenn das aufgeht, baut bald jeder Verlag zwei Webseiten.
🖋️ Ich mag hier echt nicht als AI-Verächter rüberkommen. Aber weil die Technik omnipräsent ist, müssen wir uns trotzdem fragen, was uns selbst noch Bedeutung gibt. Effizienzmessung glättet dabei ziemlich viel von dem, was differenzieren soll. Douglas Brundage argumentiert, dass gute Copy aus Reibung und Chuzpe entsteht, also genau aus dem, was Wahrscheinlichkeitsmaschinen systematisch glätten. Die Pointe: AI kann den Brief schreiben, die Analyse liefern und das Feld vermessen, aber der Satz, der wirklich trifft, kommt weiterhin von Menschen, die den Mut haben, falsch richtig zu liegen.
📚 Wer Brundage oben mochte, kriegt bei Lisa Herzog die philosophische Etage darüber. Ihr Punkt: In Bildung und Wissenschaft ist der Text gar nicht das Produkt. Ein Essay, eine Hausarbeit ist kein ablieferbares Stück Output, sondern das Mittel, um denken, urteilen und für eine Sache einstehen zu lernen. AI wirkt nur dann bedrohlich, wenn man glaubt, das Ziel sei der fertige Text und nicht der Mensch, der sich durchs Lesen, Umschreiben und Scheitern bildet. Ihr härtester Satz gilt allen, die sich 500 Seiten zusammenfassen lassen: Genau das Durcharbeiten ist der Lernvorgang, die Mühe keine Ineffizienz, sondern Bildung. Bedroht ist damit weniger der Text als unsere Bereitschaft, den mühsamen Weg zum eigenen Denken noch zu gehen.
🎧 Super Podcast mit einigen schlauen Gedanken über die Veränderung der Social Media Logik. Rachel Karten erklärt, wie TikTok den alten Social Media Deal gekündigt hat. Ziel: Das Unterhalten von Fremden stärker belohnen als die Interaktion mit der eigenen Community. Fazit: Social Media ist über die Jahre vom Dialog mit den Peers zum TV-Ereignis geworden. Ich finde das ja eher traurig.
AI
All Hail our Robot Overlords
🧾 Die billige Flat-Rate-Phase der AI-Abos ist vorbei. Anthropic kommt zunehmend mit wilderen Preismodellen um die Ecke, GitHub Copilot stellt auf Verbrauch um, dazu eine versteckte Preiserhöhung über den neuen Tokenizer. AI wird damit von der monatlichen Pauschale zur variablen Infrastruktur. Wie wir wissen, haben Uber und ServiceNow ihre Jahresbudgets schon im April durchgebrannt. Und nun wird es interessant, wie billig das AI-All-You-Can-Eat-Buffet für uns alle wirklich bleibt.
😑 Ich muss es nochmal sagen: Ich bin AI-Fan. Aber kulturell ändert sich gerade was. In den USA ist AI inzwischen unbeliebter als die ICE-Behörde. Joe Lazer trägt hier ein paar ziemlich interessante Beobachtungen über eine weißglühende Blase zusammen, die ihre Weltbeherrschungsfantasien nicht wirklich mit den Wünschen der Zielgruppe zusammenbringt. Und was nach dem Tal der Desillusion passiert, ist hoffentlich eine Welt, in der eine große Technologie ihren nützlichen Platz in der Gesellschaft vermitteln kann.
🎓 Meine Tochter kommt im September in die Schule, und ich muss zugeben: Ich weiß nicht, wie man Bildung heute noch vermittelt. Theo Baker gibt in der New York Times einen Einblick in die erste College-Klasse des AI-Zeitalters, und sein Bericht ist nicht die Cheating-Klage, die man erwartet. Dass geschummelt wird, ist Grundrauschen. Daneben passieren viele Dinge zwischen Uni und Student:innen, die ich als Interregnum bezeichnen würde. Wie war das noch mit der „Zeit der Monster“? Wirklich viel ruhiger stimmt mich der Text nicht.
Wilde Werbung
Kommunikation aus einer anderen Zeit
🧳 „Visit the USSR: Stalingrad“, ein ungewollt düsteres echtes Intourist-Plakat (die sowjetische Monopol-Reiseagentur für den Auslandsfremdenverkehr), das westliche Tourist:innen in genau die Stadt locken sollte, deren Name bis heute für die mörderischste Schlacht des 20. Jahrhunderts steht. Die Stadt kann nichts für das Leid, das ihr und ihren Einwohner:innen von Deutschen angetan wurde. Aber richtig Lust auf Urlaub macht die Schwere auch nicht. Stalingrad wurde im Zuge der Entstalinisierung 1961 in Wolgograd umbenannt. Das Visual stammt also wohl aus den 1950ern, als Intourist im Westen tatsächlich Werbung machte, um Reisende anzulocken.
Schlaue Karten: Tee x Chai
Karten, die die Welt erklären.
🗺️ Fast die ganze Welt nutzt für dasselbe Getränk eines von zwei Wörtern. Warum zwei Wörter für dieselbe Sache? Der Handelsweg definierte den Namen. Länder, die den Tee über den Seeweg aus Südchina bekamen, sagen „te“ (Deutschland, Niederlande, England). Wer an der Seidenstraße lag, sagt „cha“, das im Persischen zu „chai“ wurde und so nach Russland, Arabien und in die Türkei kam.
Wahre Geschichte
Schlimmes und Buntes. Meist Zeitgeschichte und am Ende Musik.
📷 Der Saathändler Roberto Donetta zog um 1900 mit einer geliehenen Plattenkamera durchs Tessiner Bleniotal und fotografierte, was sonst keiner für wichtig hielt: Hochzeiten, Beerdigungen, die Frauen der Schokoladenfabrik. Zu Lebzeiten galt er als Sonderling und „Vagabondo“ und starb in bitterer Armut. Seine Kamera wurde für seine Steuerschulden versteigert. Erst Mitte der Achtziger fand jemand 5.000 Fotos von ihm auf einem Dachboden. Eine Zeitkapsel über das Leben in Norditalien vor 120 Jahren.
Kylie
Netflix-Doku (Dreiteiler)
🎬 Die dreiteilige Netflix-Doku über Kylie Minogue ist richtig gut. Sie erzählt den Weg von der Bubblegum-Prinzessin der Achtziger zur Pop-Diva mit dem dicksten Fell der Branche, die sich konsequenter als viele andere in einer männerdominierten, sexistischen Branche durchgesetzt hat. Anfangs hat man sie kolossal unterschätzt, mittlerweile hat die kleine große Australierin schon längst ihren Status als Diva zementiert. Coole Doku.
👀 Die Tiny Awards feiern das kleine, handgemachte Netz. Die schönsten persönlichen, nicht-kommerziellen Webprojekte des Jahres, gekürt von einer Jury und am Ende vom Publikum, Preis ist eine kleine handgemachte Trophäe. Nichts daran ist auf Verkauf oder Wachstum aus. In einem Jahr, in dem sich jede Seite für Maschinen optimiert, ist das fast ein politisches Statement. Die Archive lohnen sich.
🫂 „Mishpocha“ (auch Mishpacha oder hebräisch Mishpachah) bedeutet Familie oder Verwandtschaft. Wäre ich gerade in Frankfurt, meiner alten Heimat, würde ich die gleichnamige Ausstellung sofort anschauen. Das Jüdische Museum kuratiert eine Perspektive auf Familienbilder zwischen Herkunft, Erinnerung und der Frage, wer eigentlich zur eigenen Mischpoche gehört. Künstlerischer Leiter ist übrigens Mike D von den Beastie Boys.
🎹 Zum Schluss, wie immer, Musik. Im Oktober kommt das zweite Klavieralbum des großartigen Danger Dan, und sein neues Stück „Alle meine Freunde“ trifft mich an vielen Stellen. Je glatter und absurder die Welt wird, desto mehr braucht es einen Danger Dan.
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