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davaidavai #178

Gerald Hensels kurierter Marketing Link Mix aus zwei Wochen.
„Ich lese für euch vor, damit ihr es nicht machen müsst.“

17. Mai 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

heute fasse ich mich kurz, weil ich auf dem Sprung in den Urlaub bin. Folge 179 verschiebt sich deshalb um zwei Wochen. Das heißt: die nächste Ausgabe kommt erst heute in vier Wochen. Eine seltene Ausnahme. Ich bitte um Entschuldigung.

In eigener Sache: Ich habe einen halbwegs lustigen Text über Brückenjobs in der Transformation geschrieben. Und einen über die sich zum Glück langsam verändernde (aber immer noch zu kleine) Rolle von uns Männern im Feminismus, nachdem ich mit meinen Kindern zum Vatertag gegen Frauengewalt demonstrieren war.

Außerdem zwei Termine im Juni, die ich gern noch loswerde. Erstens der dritte Club der Postrationalist:innen in Hamburg, ein Netzwerk-Abend für Strateg:innen, diesmal mit Thomas Knüwer als Keynote Speaker. Tickets gibt es hier. Und am 4. Juni, direkt nach meinem Urlaub und vor der nächsten Ausgabe, ein Talk mit zwei Leuten, die Marken und Marketing in China und den USA wirklich kennen: Falk Fuhrmann und Andreas Klack-Freitag. Das Format heißt Was geht?, ist neu, live, und ich glaube, es wird ziemlich gut. Anmelden lohnt sich.

Viele Grüße und viel Spaß mit Folge 178.

PS: Wer diesen Newsletter teilen will, gerne. Wer mir für den Unterhalt ein paar Euro in den Sparstrumpf werfen mag, kann das hier tun und wird in mein Nachtgebet eingeschlossen.

Introbild

Strategie

Was zum Ziel führt

💭 Authentizität war zehn Jahre lang das müdeste Markenwort. Jetzt zieht es plötzlich wieder an, weil Vertrauen knapp wird. In einer Kultur voller simulierter Echtheit wird Authentizität plötzlich wieder zur knappen Markenressource. Marken müssen definieren, welche Rolle AI für sie spielt: maximale Convenience und Geschwindigkeit oder menschliche Nähe, Vertrauen und kulturelle Echtheit.

🎯 Ja, jeder glaubt zwar, dass Strategie wichtiger wird. Aber dass Agentur-Strateginnen und Strategen davon profitieren, würde ich nochmal hinterfragen. Ed Cotton schreibt in diesem sehr lesenswerten Text über die Krise dieses kleinen, feinen Gewerks. Seine These: AI zerstört nicht Strategie, aber sie macht sichtbar, dass vieles davon in Agenturen eigentlich nie welche war.

💼 Und wenn schon die Strateg:innen ihr Fett abbekommen, warum dann nicht auch die CMOs? In diesem Essay schreibt Eugene Healey über die sich verändernde Rolle des/der CMO. Künftige Marketingführung gewinne nicht mehr über Intuition, Agentursteuerung oder Konferenzpräsenz, sondern über Systemdenken. CMOs müssen Marketing als Infrastruktur bauen. Übrigens: Zum Thema publizieren wir bald ein "Brand Future Scenario" zur sich verändernden Rolle des CMO in der Zukunft.

Strategie Bild
 

Kreativwirtschaft

Agenturen, Druck und kreative Arbeit

🎨 Wenn man den ganzen Tag vor Claude Code kauert, wird das mit dem Überleben als kreativer Lead im AI-Zeitalter nicht so einfach. Dieser Text aus "It’s Nice That" thematisiert kreative Gegenrituale gegen das algorithmische Gleichgleich der Gegenwart. Super Lektüre für alle, die sich beim Scrollen durchaus hin und wieder fragen, ob es noch andere Quellen an Inspiration geben kann als ein Datencenter in deiner Nähe.

🧯 Ich empfinde es als einen eklatanten Widerspruch unserer Zeit, dass man gleichsam das Ende ganzer Branchen, Karrieren und Berufszweige predigt und gleichzeitig völlig selbstverständlich an Innovationslust und Entdeckertum appelliert. Um Letzteres geht es zweifellos. Das ist der richtige Weg nach vorne. Aber tatsächlich ist der systematische Abbau emotionaler Save Zones für viele erwachsene Menschen ein Problem, das wir nicht ignorieren können und an dem wir nicht teilhaben sollten.

⚡ Und wo wir gerade beim Thema sind. Mo Bitar bringt es super auf den Punkt, wie man jede kommende Corporate Job-AI-kalypse überlebt, wenn man keine Save Zone mehr hat. Als die Person, die sich zum „most pro-AI motherf***er“ im Büro macht, um ihren Job zu retten. Wer Kolleg:innen kennt, die plötzlich in jedem zweiten Satz „Automatisierung“ sagen, wird sich beim Schauen wiederfinden. Treffer, versenkt.

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Kreatives

Subjektiv gute kreative Ideen

🇫🇷 Ein neuer Markenfilm von Lacoste, „Life is a Beautiful Sport“. Eine Jagd durch Paris im 50er/60er-Look, toll geschossen, und voll auf Brand. Ich habe selbst mal für die Marke gearbeitet und fand schon damals beeindruckend, wie konsequent Lacoste aus seiner doch etwas speziellen französischen Tenniswelt heraus erzählt, ohne sich dabei irgendwo zu verlieren. Sehr ansehbar.

😑 Ein neuer Spot von Liquid Death, der ungefähr das Gegenteil der Lacoste-Welt ist. Ein Mann sucht klares Wasser und kassiert dabei eine Serie slapstickhafter Wildunfälle. Endlich feiert jemand mal wieder das selten bediente Genre von „Cartoon Deaths“. Schön irre, sehr gut gemacht. Bei mir lief die deutsche Auto-Übersetzung leider absolut grauenhaft. Vielleicht steckt das jemand mal den Amerikaner:innen jenseits des Atlantiks.

Smarter OOH Take auf die hohen WM Ticketpreise

Smarter OOH Take auf die hohen WM Ticketpreise

🧠 Vor vierzig Jahren hat der Guardian seinen legendären „Points of View“-Spot gedreht und jetzt neu aufgelegt. Dieselbe Straße in Elephant & Castle, Paul Weiland zurück hinter der Kamera, Kathy Burke zurück im Bild. Klingt alles nach Nostalgieübung. Das Original ist trotzdem bis heute eine Lehrstunde darüber, wie man kommunikativ seinen Punkt für ein komplexes Thema macht. Immer noch toll.

🧾 Eine Muttertagsidee, die auf einen dieser unangenehm einfachen Gedanken kommt: Was würde eigentlich auf der Rechnung stehen, wenn man Fürsorge wirklich abrechnen würde? OpenTable und 2045 machen daraus eine überlange Restaurantquittung mit der Summe null. Und tatsächlich geht es genau darum beim Elternsein. Kinder haben nie Schulden bei einem. Zum Essen einladen dürfen sie Mama an Muttertag trotzdem.

🏁 Ein Auto-Spot, der dadurch überrascht, dass mal kein Lack zu sehen ist bis zum Schluss. Kinder jagen Reifen durch Sanddünen, und plötzlich ist da mehr Marke als in vielen perfekt polierten Fahrshots. Vielleicht muss man Wieden+Kennedy heißen, um das zu dürfen? Oder die Leute bei Ford waren einfach mutig genug, um mit den Kommunikations-Konventionen ihrer Branche mal zu brechen.

Momentaufnahme 2026: Null Bildschirmzeit

„Null Bildschirmzeit.“ Ein Plakat in der New Yorker Metro von Back Market 2026. Eigentlich nichts Besonderes. Dann aber doch, wenn man drüber nachdenkt, wie sich die Bedeutung von Technik dreht. Früher stand der iPod für „Musik überall dabei“. Heute argumentiert man mit screenloser Einfachheit und Tech-Minimalismus. Vielleicht ist gute Technik zunehmend die, die sich im richtigen Moment zurücknimmt.

Gefunden bei Tony Fadell

Back Market iPod Shuffle Anzeige
 

User und Consumer Experience

Wie Dinge aussehen und funktionieren

🏬 Ein neuer McKinsey-Report darüber, wie sich der Einzelhandel im AI-Zeitalter verändert. Etwas dick aufgetragen, wie immer bei den großen Consultancies, im Kern stimmt es. Wer heute Retail-Flächen plant, sollte sich die Argumente anschauen, warum Läden in Zukunft viel klarer beantworten müssen, warum es sie physisch überhaupt noch braucht.

📡 Ich liebe Terry Godier. Dieser Essay ist eine der ehrlichsten Antworten auf die Internet-stirbt-Klage, die ich kenne: Vielleicht aber eine kommerzielle Schicht obendrauf. Darunter liegt die alte Maschinerie — SMTP, RSS, IRC, NTP, Icecast, Finger —, die niemandem gehört, die niemand aufkaufen kann, die niemand in einem Produktmeeting kaputt entscheiden kann. Nostalgie? Vielleicht. Eher ein Plädoyer für das, was das Netz mal so toll gemacht hat.

🤔 Defaults, Tooltips, Farbhierarchien: Heute wissen wir, dass viele kleine Designdetails unser Verhalten steuern. UX Magazine zieht die ethische Grenze an einer einzigen Frage: Wer profitiert von diesem Nudge, der User oder die Plattform? Und gerade in Zeiten zunehmender Automatisierung ist das tatsächlich eine sehr wesentliche Frage.

 

Vatertag

Eine Beobachtung zum Feiertag

Am Vatertag war ich auf der Männerdemo gegen Gewalt gegen Frauen in Hamburg. Come on, Boys. Teil der Forderungen war ein gewaltfreier Raum durch Männer. Auf dem Rückweg lief mir dieses Bild über den Weg: „Der lästige Kavalier“, ein Genregemälde von Berthold Woltze aus dem Jahr 1874. Eine junge trauernde Frau in einem Eisenbahnabteil, bedrängt von einem aufdringlichen Mann. Ursprünglich hieß das Bild „In’s feindliche Leben“. Erst die spätere Umbenennung verschob den Fokus weg von der Bedrängten, hin zum lästigen Herrn. Erstaunlich modern gedacht für 1874. Leider erstaunlich wenig gealtert.

Der laestige Kavalier

Der lästige Kavalier, Berthold Woltze, 1874

Content

Inhalte, die funktionieren

🤔 Ein aktueller Aufsatz von danah boyd, die seit zwei Jahrzehnten zu Plattformkultur forscht. Ihre Kernthese: „Soziale Medien“ ist längst der falsche Begriff. Wir posten weniger, scrollen mehr und folgen Semi-Promis, statt mit Freund:innen zu reden. Aus Vernetzung wurde inszenierte Nähe. Und so richtig sozial und interaktiv ist das alles nicht mehr. Eher TV ein bisschen anders.

🔎 Oh, das könnte aber ein paar Menschen da draußen ärgern. Google stellt klar, dass GEO und SEO keine zwei eigenen Schubladen sind: Für die Sichtbarkeit in AI Overviews und AI Mode braucht es weder geheime Tags noch eine neue Disziplin. Sondern dieselbe Sache wie immer: crawlbar sein und etwas Eigenes zu sagen haben. Der nächste Link passt übrigens gut dazu.

📚 Und ganz ohne GEO-Voodoo kommt hier ein sehr richtiges Manifest von The State of Brand darüber, warum sich Marken zunehmend wie smarte Publisher verhalten müssen, wenn sie in ChatGPT, Gemini oder Perplexity vorkommen wollen. Daran glaube ich sehr. Liest sich wie das Pendant zur CMO-Debatte ganz oben. Systems first.

🛠 Eine sehr konkrete Anleitung von Ahrefs, wie sich Claude Skills für SEO und Marketing einsetzen lassen. Weniger AI-Magie, mehr Handwerk. Pflichtlektüre für alle, die noch glauben, Prompting sei die Endstufe der Beschäftigung mit Sprachmodellen.

AI

Es lebe unsere Roboterherrschaft

🌍 Ein neues Strategiepapier von Anthropic mit zwei möglichen 2028-Szenarien für die globale AI-Landschaft. Zukunftsfiktion, Marktmanipulation oder geopolitische Drohung? Könnte alles sein. Denn Anthropic zeichnet sich darin als geopolitischer Akteur, der er im globalen Wettrennen um Datencenter und AI-Autonomie faktisch ist. Hello brave new world.

🧠 Und nochmal Anthropic, weil sich das Unternehmen echt krass vorfrisst. Mit Claude for Small Businesses kommt jetzt die Suite, die die angreifen soll, die Cafés, Agenturen oder Steuerbüros ohnehin schon nutzen: Lexoffice, Canva, Google Workspace. Das ist eine andere Wette als die anderen AI-Player. Nicht um das nächste AI-Feature geht es, sondern um die unsichtbare Klammer drumherum.

😑 Wahnsinnig sympathisch. Meta hat angefangen, Mausbewegungen seiner Angestellten in USA aufzuzeichnen. Das Material soll die AI trainieren, die später Büroarbeit wohl selbst erledigen soll. Vorbereitungen für die nächste Reorg? Oder die übernächste? Ich freue mich schon wieder auf Zucks trauriges Gesicht, wenn er ankündigt, dass ihn die Entlassungen so schmerzen, weil er die Besten hat gehen lassen müssen.

👀 Seit 1968 ist der Mauszeiger im Grunde derselbe geblieben: ein dummer Pfeil, der zeigt, wohin der Mensch denkt. Google DeepMind macht ihn jetzt klüger. Man zeigt auf ein Gebäude und sagt „Zeig mir den Weg dorthin“, markiert ein Standbild im Reisevideo und bekommt den Buchungslink des Restaurants. Im Kern passiert hier übrigens dasselbe wie bei Meta oben mit menschlichen Klicks, die zu Trainingsdaten werden. Nur dass es sich besser anfühlt.

AI Bild

Alte Werbung: Fossilien

Das war wirklich mal so

😑 Acht Gallonen Sprit, und Junior bekommt einen knapp 70 cm langen Spielzeugtanker dazu. So sahen die guten alten Tage der fossilen Brennstoffe aus. Die Ölindustrie holte ihre Kundschaft (und deren Söhne; Töchter waren nicht eingeplant) schon in der Erziehung ab. Der lachende Junge müsste heute Mitte achtzig sein.

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Wilde Karten: Klimawandel

Geografien

Wenn jetzt wirklich alle Polkappen gleichzeitig abschmelzen, sähe Europa ungefähr so aus. Schlechte Nachrichten für Hamburg. Ehrlich gesagt auch für ein paar andere Gegenden. Aktuell sieht es nicht wirklich danach aus, als ob wir das Szenario allzu ernst nähmen — siehe Spielzeugtanker oben. Ich hole mir schon mal die Schwimmweste.

Wilde Karte Bild

Wahre Geschichte

Schlimmes und Buntes. Meist Zeitgeschichte und am Ende Musik.

💭 Ein kurzes Telefoninterview, in dem Stanley Kubrick selbst das crazy Ende von „2001: A Space Odyssey“ erklärt. Aus Gründen. Es gibt Filme, deren Endings man sich in Internetforen seit Jahrzehnten gegenseitig widersprechend erklärt. Kubricks 2001 ist die Mutter dieser Gattung. Umso schöner, dass der Mann es selbst einmal am Telefon tut.

👀 Der Trailer zu „Brink of War“, einem neuen Spielfilm über den Reagan-Gorbatschow-Gipfel 1986 in Reykjavik. Das war tatsächlich damals der erste große Gipfel der beiden. Reagan kam gerade aus dem Sehr-Cold-Warrior-Modus seiner frühen Jahre und traf auf den damals jungen Gorbatschow. Ich erinnere mich noch gut an die Bilder von damals. Das waren damals auch keine einfachen Zeiten. Aber der Film zeigt, glaube ich, ganz gut, was persönliche Führung und Integrität auf der Weltbühne damals bedeutete.

ENTEN
YouTube

🦆 Alle reden über das Erwachen der AI. Niemand redet über das Erwachen der Enten. Dieser Film korrigiert das nachdrücklich: sehr kurz, sehr lustig, leicht beunruhigend. Deine Spaziergänge am Wasser werden danach anders aussehen.

🎶 Und zum Schluss: Musik. Yacht Rock Gott Michael McDonald 1982 live in der amerikanischen Musiksendung Soul Train, „I Keep Forgettin’“. Super Style, toller Song. Und wem der Basslauf irgendwie bekannt vorkommt: genau, Regulaaaators. Manche Samples altern würdevoller als ganze Genres.

Michael McDonald auf Soul Train

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