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davaidavai #173

Gerald Hensels kurierter Marketing Link Mix aus zwei Wochen.

8. März 2026

Hallo zu davaidavai 173.

Während sich fast das ganze mir bekannte Marketing um die eigene Zukunft mit der KI dreht, hatte ich vor wenigen Wochen ein Gespräch mit befreundeten Ärzten, in dem ich realisierte, dass das nicht überall so ist. Wo Fragen rund um Content und Development, Code und Business Modelle nicht den Alltag bestimmen, wird KI immer noch eher als interessantes Tool gesehen – aber weniger als ganzheitliche neue Herausforderung für die eigene Wertschöpfung oder die Gesellschaft per se.

Ich habe letzte Woche, darauf aufbauend, für die absatzwirtschaft einen Kommentar über ungleiche Zukünfte geschrieben. Denn, wie so oft, wenn ich mich aus meiner eigenen Bubble herausbewege, merke ich: Der alte Satz von William Gibson stimmt weiterhin erstaunlich gut. „Die Zukunft ist schon da – sie ist nur sehr ungleich verteilt.“ Auch in dieser Ausgabe finden sich wieder einige Beispiele dafür.

Folgelogisch kommt davaidavai 173 wieder mit einem bunten Potpourri an Links, die ich in den letzten zwei Wochen lesenswert fand. Oder um ehrlich zu sein, es ist nur ein Ausschnitt davon. Gerade die von euch, die sich für meinen sicherheitspolitischen Faible interessieren, sollten sich meinen anderen Newsletter Neue Bellona anschauen, den es hier gibt (erscheint auch alle zwei Wochen). 

Zwei Event-Tipps in eigener Sache.

1) Für alle norddeutschen Strateginnen und Strategen: Übernächste Woche, am 17. März findet wieder unser Netzwerk-Treffen des Clubs der Postrationalist:innen in der Schanze statt. Es gibt hier noch Tickets zum Raum-Miet-Unkostenbeitrag. 

2) Noch genau bis heute Abend 18 Uhr kann man sich im Berliner Museum für Kommunikation die Wanderausstellung „Alles im Angebot“ anschauen, die von hateaid und neuland und gestalten konzipiert und umgesetzt wurde. Darin geht es um das weltweite virtuelle Angebot und die große Frage, wer eigentlich wen steuert. Mehr Infos dazu hier.

So, und nun geht es los. Ich wünsche euch eine gute Woche – und viel Freude mit Ausgabe 173. Und wie immer gilt: Wer diesen Newsletter gut findet und mit Freund:innen und Kolleg:innen teilt, wird in mein Nachtgebet aufgenommen.

Gute Woche euch.
Gerald


Du bist neu hier? Cool. In diesem Newsletter kuratiere ich, Gerald Hensel, alle zwei Wochen meine liebsten „Marketing & Gedöns“-Links.

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Strategie

Was uns zum Ziel führt

Die denkende Marke
Zoe Scaman

🧠 Brand Guidelines? Liegen die nicht auf dem Server? Die schlaue Zoe Scaman kritisiert zu recht old school Methoden praktischer Markenführung und fordert AI-basiertes Umdenken. Statt statischem Regelkatalog kodiertes Urteilsvermögen für Marken, das konsistent aber adaptiv wirkt. Strategische Arbeit verschiebt sich vom Definieren von Regeln zum Konstruieren von Denksystemen. Eine andere Aufgabe als bisher.

Marken in der Intent Economy
Erich Joachimsthaler, Brandingmag

💭 Auch mit Brands im AI Zeitalter beschäftigt sich Vivaldi CEO Erich Joachimsthaler der das neue Ziel von Markenführung so beschreibt: Default werden statt relevant zu sein. Wirklich erfolgreichen Marken wünscht er einen Zustand, in dem ein System eine Marke empfiehlt, bevor ein Mensch überhaupt nachgedacht hat. Eine andere Kategorie von Wettbewerb, den erfolgreiche Brands mitgestalten können.

Die Risiken, wenn AI Gespräche leitet
Harvard Business Review

🤔 AI stellt andere Fragen als Menschen. In dieser verlinkten Studie wurden 13 Modelle untersucht: Sie gewichten analytische Fragen massiv über und stellen so gut wie keine praktischen oder emotionalen Fragen. Wer AI in Entscheidungsprozesse lässt, bekommt – ohne Modellierung dafür – sehr einseitig strukturierte Diskussionen, die als neutral wahrgenommen wird und es nicht sind. Ziemlich wichtiger Input für die Schnittmenge aus AI und Leadership.


Wikipedia

Stop being Poor

Stop being Poor

Kreativwirtschaft

Was AI mit unserer Arbeit macht

😌 Vor zwei Wochen ging Matt Shumers alarmistischer (und AI-geschriebener) Artikel mit dem Titel „Something Big is Happening“ herum, der fast 100 Millionen Leser:innen hatte und das Ende der Welt, wie wir es kennen, prognostizierte. David Oks paradiert: Jobverluste durch AI sind wahrscheinlich überschätzt, weil Komplementarität und das Jevons-Paradox dagegen arbeiten. Gut argumentierter Input für eine große Debatte.

👀 Und noch eine Replik auf Shumer, diesmal aus Sicht der Kreativwirtschaft und Designer:innen. Ja, etwas passiert. Nein, es ist nicht das Ende kreativer Arbeit sondern das Ende des Pixelschubsens. Es liegt an jedem von uns selbst, die Zukunft zu Umarmen und ihnen „keinen Grund zu geben, die Maschine dir vorzuziehen“. Das klingt für mich, wie die richtige Antwort.

🧠 Viele von uns spüren es ja am eigenen Leib. Weniger arbeiten tun sie mit AI nicht. Im Gegenteil. Arbeit wird dichter. Eine achtmonatige Feldstudie zeigt: Generative AI erhöht Tempo, Umfang und Dauer, reduziert individuelle Arbeit aber kaum. Die Zeitersparnis verschwindet sofort in neue Aufgaben, Erwartungen steigen, Grenzen verschwimmen. Das nächste Problem dürfte eher sein: Es ist kaum jemandem bewusst.


Kommunikation

Was uns das Handwerk lehrt

❤️ Ich behaupte ja immer, dass echte Integration erst dann erreicht ist, wenn jede gesellschaftliche Gruppe gleichermaßen kapitalistisch ausgebeutet wird. Das macht Tesco in UK richtig gut. Leckere Ramadan Werbung, die smart verkaufen soll, statt oberflächliches Diversity-Signaling zu sein. Das Rezept: Ein digitales Plakat, das signalisiert, dass Tescos versteht, was gläubige Muslime zu Ramadan brauchen. Watt Leckeres zum Fastenbrechen abends. End of Story ohne Kulturkampf.

🎯 Sorry, ich mag Werbung immer noch. Vor allem, wenn die Stories so simple, lustige Markenstories wie hier erzählen. TK Maxx hat ein Branding-Problem, das eigentlich keines ist: Leute finden besondere Dinge zu Preisen, die das nicht vermuten lassen. „Jeder Tag kann ikonisch sein“ macht genau daraus eine gut überhöhte Geschichte und dreht den vermeintlichen Nachteil zum Kern der Marke. Lustig.

🍔 Das lieft jetzt nicht ganz so gut. McDonald’s-CEO Chris Kempczinski präsentiert einen neuen Burger und sieht dabei weder so richtig überzeugend noch so richtig überzeugt aus. Burger King ließ die Vorlage nicht liegen. Was folgt, ist ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn CEO-Kommunikation und Authentizität auseinander fallen. Und vielleicht lernen wir auch, dass nicht jeder CEO Live-Kommunikations so riiiiiichtig gut kann.

🍻 Als der letzte Pub im irischen Dorf Kilteely kurz vor der Schließung steht, tun sich 26 Einwohner zusammen, um ihn zu retten. Heineken hat daraus einen Film gemacht. Mir ist schon klar, dass man die Geschichte so oder so anders schon mal gesehen hat, aber sie erwärmt jedes Mal wieder das Herz. Und dass hier Heineken tief im Guiness-Territorium spielt, finde ich zumindest interessant.

🎬 Erst wirkt es wie eine Comedy, dann stellt sich heraus: Es ist ein Werbespot. Ein Mann hat das Ziel, alles ein kleines bisschen beschissener zu machen als Karrrierepfad. Ein klein wenig Nerverei im Haushalt und an der Ladenkasse. Eine schlecht designte App hier und ein undurchdachtes Feature da. Am Ende geht es um den norwegischen Verbraucherschutz. Lustiger Plot, lang und wunderbar gemacht.

😑 Der Zürcher Copywriter und Creative Director Dieter Boller liest, glaube ich, auch hier mit. Er macht ziemlich lustige und ziemlich gut produzierte AI-Filme über die Werbebranche. In der dritten Folge von „Clients“ widmet er sich dem sprichwörtlichen Vortanzen vor dem Kunden und dessen Ideen zu dem Thema. Manchmal wünsche ich mir zwar, dass wir alle mit etwas weniger Zynismus auf unser Handeln blicken können. Aber hey: Dieters Filme sind leider auch immer wieder Treffer.


Prioritäten

Eine Zahl. Kein Kommentar nötig.

Prioritäten

🤔 US-Verbraucher:innen geben mehr Geld für OnlyFans aus als für ChatGPT und die New York Times zusammen. So viel zu den Prioritäten in der Krise.


Design

Wie Dinge aussehen und funktionieren

Designer dominieren 2026–2030
Michal Malewicz / Medium

⚡ Falls es bisher noch nicht durchgekommen ist: Ich teile gerne optimistische Takes auf den Wandel, einfach weil wir mehr Zuversicht und Mut nach vorne brauchen. Ein solcher ist dieser hier. Weil AI Produktion demokratisiert, verschiebt sich der Wettbewerb auf Urteil, Taste und menschliche Sensibilität. Das sind Designer:innen-Domänen, die in der Transformationen immer mehr Rolle spielen werden.

UX Benchmarking mit Google Stitch
Department of Product

🤔 Unter all den AI Sachen, die Google baut, und die so mitlaufen, gehört neben NotebookLM Stitch ganz oben auf die Liste. Für Google Stitch haben sie nun einen AI-Agenten gebaut, der UX-Research eigenständig durchführt: Problem eingeben, Agent recherchiert Designmuster, erstellt ein PRD, gibt umsetzbare Lösungen aus. Krasses Ding. Alles noch früh. Aber die Richtung ist erkennbar.

Die Ästhetik der AI
A Color Bright

🎨 Ich finde es ja megainteressant, wie sehr sich die großen AI-Brands gerade mit ihrer Marke beschäftigen (müssen). Das gilt auch für visuelle Identitäten. Der Text hier ist spannend, weil er Positionierungsentscheidungen mit Blick auf Vertrauen, Zugänglichkeit und Ambitionen analysiert. Auch AI-Modelle müssen sich verkaufen und müssen ein Verständnis davon entwickeln, wie sie Vorurteilen durch Look & Feel begegnen.


Content Marketing

Inhalte, die funktionieren

💭 YouTube erscheint mittlerweile in fast 30% aller Google AI Overviews und übertrifft damit Reddit, das bisher Platzhirsch bei AI-Nennungen war. Der Grund ist simpel: Video-Content ist maschinenlesbar (also vor allem die Beschreibungen). Was das für Brands bedeutet: Videos sind keine reinen Views-Maschinen mehr. Sie sind GEO-Assets. Das verändert, wie man YouTube-Content konzipiert, deutlich. Und es stärkt die Rolle von Youtube als zweiwichtigster Suchmaschine der Welt.

📉 Und wo wir gerade bei Suchen sind. Die Sache mit den Zero-Klicks und dem Ende der Newsseiten scheint akut zu werden. CNET, Wired, The Verge, TechRadar — zusammen haben sie 65 Millionen monatliche Besuche verloren. Manche Seiten rund 30%, andere über 90%. AI-generierte Übersichten in den Suchergebnissen dürften der Hauptgrund sein. Und auch, wenn mancher über GEO unkt: Das wird wichtig in einer Zeit, in der zumindest für informationelle Suchen die Website abgewertet wird.


KI

All Hail our Robot Overlords

Das Claude des Pentagons
CBS / YouTube

🔒 Das Claude, das wir nutzen, ist nicht das Claude des Pentagons. Anthropic CEO Dario Amodei hat im CBS-Interview bestätigt, dass seine Firma maßgeschneiderte Modelle fürs US-Militär auf geheimer Infrastruktur mit maximaler Rechenleistung baut, quasi eine Speziallösung für einen einzigen Kunden. KI-Unternehmen sind intern immer mindestens eine Generation voraus gegenüber dem, was sie veröffentlichen. Manchmal zwei. Insofern geht es bei dem Konflikt zwischen Anthropic und Pentagon um deutlich mehr einen besseren Chatbot.


Retro Werbung: Opel Swinger

Opel Swinger Werbung von 1975 · YouTube

🕺 Zugegeben, „Opel Swinger“ würde man eine Produktlinie heute wohl nicht mehr nennen. Aber 1975 war das richtig modernes Auto-Marketing: auffällige farbige Dekors, Extras und das legendäre Hazy Osterwald Sextett. Marketing, das heute undenkbar wäre aber damals wahrscheinlich überhip war.

Opel Swinger 1975

Wilde Karten: Nahwa

Orte, die die Karte nicht erklären kann

Nahwa ist ein Ort, der auf keiner normalen Karte einen Sinn ergibt — eine UAE-Exklave, eingebettet in eine omanische Enklave, die wiederum von emiratischem Territorium umgeben ist. Resultat mehrerer Stämme, die sich nicht einig werden konnten, zu wem sie gehören wollen. Das absurdeste Staatsgebiet der Welt und ein guter Spiegel dafür, wer die netten Herren sind, die aktuell in den ganzen Influencer:innen Videos aus VAE auftauchen. Mehr dazu hier.

Nahwa

Wahre Geschichte

Bunt gemischt, Zeitgeschichte und Musik

📷 Okay, ich bin absolut kein Olympia-Gucker, was ich selbst schade finde. The Atlantic hat Fotografen in die Winterolympics geschickt und das zurückgebracht, was Livebilder grundsätzlich nicht können. Sport-Fotografie, die leicht neben diesem Moment liegt, den alle sehen. Mal technisch getrieben, mal als grandioser Schnappschuss. Tolle Galerie.

Walkman.land
walkman.land

🎧 Ich hatte noch einen. Einige von euch wahrscheinlich auch: Einen Walkman. Walkman.land feiert den Walkman als Quelle unserer mobilen Popkultur. Und so war es auch. Irgendwie lief man mit den Dingern schon in den 1980ern herum und fühlte sich wie im 21. Jahrhundert. Außer man hätte damals schon gewusst, wie das 21. Jahrhundert tatsächlich wird.

🦖 Unter den (natur)historischen Nischeninteressen dieses Blogs stehen ja Dinosaurier relativ weit oben. Am 6. März ist auf Netflix ein neuer Vierteiler gelauncht worden. Gemacht von Steven Spielberg, gesprochen von Morgan Freeman. Ja, wir kennen alle diese CGI-geschwängerten Dino-Dokus. Aber die ist wirklich gut und auch wirklich sehr, sehr gut erzählt.

Eine kleine Geschichte des Sushi
Geschichten aus der Geschichte / Spotify

🍣 Der Podcast „Geschichten aus der Geschichte“ ist für mich Pflichtprogramm, weil man nebenbei beim Laufen gehen am Sonntag so viel Nerdwissen über random Momente der Weltgeschichte einsaugen kann. Weil die Geschichte des Sushi eigentlich eine Geschichte über Konservierung, Fermentation, Migration und Missverständnisse ist. Und weil am Ende wieder Japan alles anders gemacht hat als alle dachten.

🎵 Immer, wenn ich in Präsentationen über Begeisterung spreche, zeige ich gerne dieses Video, weil es nur so flirrt vor Liebe und purem Enthusiasmus. Patrick Bruel bei seiner Tour 1991 in Paris, mit seinem Superhit „J’te l’dis quand même“. Mitsingende Mädchen und ein Sänger, der selbst staunt über die Energie, die er geschaffen hat. Ein kleiner Ausschnitt aus einer anderen Zeit in der sicher nicht alles besser war. Aber manches eben schon.

Patrick Bruel Paris 1991

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